28. Juni 2001 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Tomb Raider

Ich sehe was, was du nicht siehst

Der Hintern der Bardot und die Brüste von Lara Croft: TOMB RAIDER oder Die Verachtung des Hollywood-Kinos

Es gibt eine famose Szene am Anfang von DIE VERACHTUNG, da liegt Brigitte Bardot nackt auf dem Bett, offenbar nach der Liebe, und fragt Michel Piccoli, was er mehr liebe, ihre Brüste oder ihre Brustwarzen, und er sagt: Beides. Und ihre Schenkel, ob er die liebe? Ja. Und ihren Hintern? Ihren Mund? Ihre Füße? Ja. Ja. Ja. Und so wie die Neonreklame vor dem Fenster die Bardot in immer neues Licht taucht, so legen die Worte nach und nach ein Netz über ihren Körper. Dieses ganze Nachspiel besticht im gleichen Maße durch seine verführerische Provokation wie durch die gnadenlose Vivisektion dessen, was die Ausstrahlung eines Stars ausmacht. Und das Tollste daran ist, dass Godard diese Szene erst nachträglich eingebaut hat, weil die Produzenten klagten, sie wollten für ihr Geld auch etwas sehen von der Bardot. Die Genialität von Godards Antwort bestand darin, dass er ihren (und unseren) Begierden einfach einen Spiegel vorhielt: „Et mes seins, tu les aimes?”

Die Vorzüge digitaler Welten, so hieß es immer, bestünden darin, dass wir uns Welten (und Menschen) klonen könnten, die ganz und gar mit unseren Wünschen übereinstimmen. Die digitalen Wesen würden dann alle Vorzüge in sich vereinen, welche die Natur sonst mit so loser Hand über ihre Schöpfung verstreut. Und womöglich muss man sich die Programmierer von Computerspielen so vorstellen wie Piccoli in der VERACHTUNG, der im selben Maße Herr wie Opfer dieses Fragespiels ist: „Welche Beine hättest du denn gern, die von Geena Davis oder die von Jane Russell? Und der Mund, eher wie Marilyn Monroe oder wie Michelle Pfeiffer?” Und Angelina Jolie ist vor allem deswegen eine Idealbesetzung für die Verkörperung der Digitalheldin Lara Croft, weil sie wie die Realisierung solcher Fantasien aussieht. Wobei die Zeichenhaftigkeit von Mandelaugen, vollen Lippen und noch vollerem Dekolleté jene Beschränkung des Ausdrucksvokabulars nach sich zieht, mit der sie sich auf eine Weise der Ungerührtheit des Computervorbilds annähert, dass man von Fleischwerdung eigentlich nicht sprechen mag. Die Regie unterstreicht dabei eher noch die Plakativität der Figur, indem sie die wenigen eher lyrischen Momente abseits der Action wie Parfumwerbung inszeniert. Man stelle sich nur mal für einen Moment vor, Angelina Jolie würde sich auf dem Bett räkeln und ihren Liebhaber fragen: „Und wie findest du meine Brüste? Besser als die von Pamela Anderson?”

Im Grunde hätte schon die Großaufnahme eines einzigen Blutstropfens genügt, um der Figur mehr Leben einzuhauchen – allein schon, weil es die unterschiedliche Materialität von Videospiel und Kino betont hätte. Aber das Kino, so wie es aus Hollywood kommt, scheint die Unterschiede gar nicht betonen zu wollen, sondern ist an der möglichst fugenlosen Verschmelzung von Filmkorn und Pixeln interessiert, als gelte es Reibungsverluste bei der Vermarktung in verschiedenen Medien zu vermeiden. Wer STAR WARS: EPISODE I gesehen hat, kann sowieso nicht mehr daran zweifeln, dass der Film nur noch eine Abschussrampe für eine Armee von Videospielen zum selben Thema sein sollte. Und die Reste an Präsenz, welche amerikanische Stars heutzutage noch aufbringen können, werden durch eine möglichst körperlose Inszenierung aufgehoben.

So ist der Film TOMB RAIDER vielleicht nicht der erste, aber sicher der hoffnungsloseste Fall von Kapitulation Hollywoods vor den Computerwelten. Er zeugt Szene für Szene von der vollständigen Unfähigkeit des Kinos, sich auf die Medien der Zukunft einen eigenen Reim zu machen. In TOMB RAIDER schaufelt sich eine Industrie ihr eigenes Grab – was womöglich daher rühren mag, dass es den in tausenderlei Interessen diversifizierten Medienkonglomeraten mittlerweile völlig egal ist, womit sie ihr Geld verdienen. Wenn es das Kino nicht mehr bringt, dann eben die verschiedenen Formen von Home Entertainment. Und die Filme sind dann nur noch Trailer, mit denen DVDs oder Computerspiele beworben werden.

Sollte Billy Wilder noch hundert werden, dann wird er erleben können, wie sich verwirklicht, was er in SUNSET BOULEVARD prophezeit hat: Dass Hollywood der Ort ist, wo nur noch die Toten ihre Geschichten erzählen. Und vielleicht muss man darüber auch gar nicht traurig sein, wenn die Zukunft Figuren wie Lara Croft gehört. Das, was Hollywood einst war – die Visualisierung unserer kühnsten Träume und dunkelsten Ängste, die Sichtbarmachung des Unsichtbaren –, wird in der Welt der Videospiele immer eindrücklicher verwirklicht.

Wer schon einmal seine Nächte an das Spiel TOMB RAIDER verloren hat, der weiß, dass die darin freigesetzten Emotionen es in mancherlei Hinsicht schon mit dem Kino aufnehmen können, und er ahnt, dass der Rest womöglich nur eine Frage der Rechenleistung ist. Natürlich erschöpft sich die Bewegungsfreiheit der Heldin, der man stets nur über die Schulter schauen darf, bislang noch in ewig gleichen Posen, in der Einübung von standardisierten Abläufen wie Lauf vorwärts, Rolle rückwärts, Sprung seitwärts, Waffe im Anschlag – aber die Räume, durch die man dabei geschleust wird, sind von so atemberaubender Schönheit und alptraumhafter Schärfe, wie man das im Kino schon lange nicht mehr sieht: die Kanäle und Palazzi von Venedig, die Tempelruinen von Angkor-Wat oder ein auf dem Kopf stehendes untergegangenes Schiffswrack – und hinter jeder Ecke kann ein Affenmensch oder Hai, eine Schlange oder Riesenspinne oder sonst ein Monster lauern.

Es ist, als seien die Labyrinthe des Unterbewussten, die einst von Jules Verne oder Ray Harryhausen bevölkert wurden, endlich wieder begehbar gemacht worden. Irgendwann wird man sich dort gemeinsam bewegen können – und sich womöglich im Anblick einer besonders ergreifenden Traumlandschaft an den Händen fassen. Dann wird das Kino – so wie Hollywood es sich momentan vorstellt – einpacken können. So wie die Dinge liegen, ist die Botschaft des Videospiels TOMB RAIDER an seine Verfilmung: „Ich sehe was, was du nicht siehst!”

TOMB RAIDER, USA 2001 – Regie: Simon West. Buch: Patrick Massett, John Zinman. Kamera: Peter Menzies jr. Mit: Angelina Jolie, Iain Glen, Daniel Craig, Jon Voight. Concorde, 90 Minuten.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


19 + dreizehn =