11. Januar 2002 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Ocean’s Eleven

Die Spaßgesellschaft

The rat pack is back: Steven Soderbergh erlaubt sich mit OCEAN'S ELEVEN einen Jux

Mai 1960. In Paris treffen De Gaulle, Eisenhower, Macmillan und Chruschtschow zusammen, aber das wahre Gipfeltreffen findet jenseits des Ozeans statt, mitten in der Wüste von Nevada, wo in Las Vegas das sogenannte Rat Pack nachts auf der Bühne des Sands auftritt und tagsüber den Film OCEAN’S ELEVEN dreht. Nach allem, was man weiß, muß das eine der Sternstunden des Show Business gewesen sein, in der Talent und Timing, Geld und Glamour zusammenkamen.

Frank Sinatra war nicht nur der Anführer der bösen Buben, sondern auch noch Produzent des Films, was vor allem hieß, daß er zum Drehen erschien, wann er es für richtig hielt. Und da er die Angewohnheit hatte, mindestens bis Sonnenaufgang zu trinken, konnte das so lange dauern, daß sein Regisseur Lewis Milestone die Wochen in Vegas später als die schrecklichsten Dreharbeiten seines Lebens bezeichnete. Er war aber auch der einzige, der keinen Spaß hatte – alle anderen amüsierten sich königlich. Für Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis jr., Peter Lawford und Joey Bishop war der Film das reinste Kinderspiel, denn sie wurden auch noch bezahlt für das, was sie ohnehin am liebsten taten: trinken, rauchen, zocken, angeben – und das alles in Gegenwart schöner Frauen.

Der Film selbst, der bei uns den Titel FRANKIE UND SEINE SPIESSGESELLEN bekam, war kaum der Rede wert, gut genug, um die Erwartungen nicht zu enttäuschen, und erfolgreich genug, um das Muster des Gipfeltreffens in SERGEANTS THREE und ROBIN AND THE SEVEN HOODS zu wiederholen. Dean Martin sagt darin einen Satz wie „Ich werde Politiker – dann lasse ich den Frauen das Stimmrecht nehmen und sie zu Sklaven machen“, und daran kann man ganz gut ermessen, von welcher Art der Humor war – auch wenn die delikate Beziehung zwischen Sinatra und der wunderbaren Angie Dickinson verrät, daß solche Sprüche nicht von ungefähr kommen, weil es um Männer geht, die einerseits von ihrer Vergangenheit als Fallschirmjäger nicht loskommen und sich andererseits beharrlich weigern, erwachsen zu werden. Darüber dürfen all die sehr erwachsenen Vergnügungen zwischen Bett und Barhocker nicht hinwegtäuschen.

Wer also ein Remake von OCEAN’S ELEVEN dreht, ist weniger an der filmischen Herausforderung interessiert als an einer bestimmten Art, Atmosphäre ins Spiel zu bringen. Der Sitz der Anzüge, die Eleganz der Pointen und der Klang der Eiswürfel in den Drinks ist womöglich wichtiger als die Frage, ob die Durchführung des Casino-Raubs auch wirklich wasserdicht ist.

Auch 1960 war Hollywood in einer manieristischen, selbstreflexiven Phase, ein sinkendes Schiff, auf dem die alten Profis mit den jungen Dingern ihren Untergang begossen. Und wenn man danach geht, wie häufig in letzter Zeit das Vexierspiel mit den verschiedenen Realitätsebenen betrieben wird, dann kann man davon ausgehen, daß das neue Hollywood auch längst schon seinen Eisberg gerammt hat. Las Vegas ist geradezu der ideale Schauplatz, um diese Stimmung in Szene zu setzen, eine Fata Morgana, in der die Wirklichkeit durch die Möglichkeit ersetzt wurde, eine Stadt, die auf nichts gebaut ist als auf die Verheißung, in einem Greyhound-Bus anzukommen und in einem Ferrari wieder wegzufahren, eine Ansammlung von Leuten, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben.

In diesem Spiegelkabinett der leeren Versprechen inszeniert Steven Soderbergh seinen Gaunerfilm, und wie man hört, hatte sein Team bei den Dreharbeiten nicht weniger Spaß als einst Frankie und seine Spießgesellen – oder zumindest das, was man heutzutage für Spaß hält, nachdem man gelernt hat, daß Rauchen und Trinken der Gesundheit schaden. Aber eine ähnliche Vertrautheit ist zu spüren, eine sehr vergnügliche Art, sich den Ball zuzuspielen, die daher rühren mag, daß das Projekt auch eine Art Familientreffen ist, ein hübsche Mischung aus All-Star-Vehikel und Home Movie.

George Clooney hat mit Soderbergh bei OUT OF SIGHT gearbeitet und betreibt mit ihm eine Produktionsfirma; Julia Roberts verdankt ihrem Regisseur den Oscar für ERIN BROCKOVICH; Don Cheadle war bei OUT OF SIGHT und TRAFFIC dabei; Brad Pitt wiederum hat gerade mit Roberts in THE MEXICAN gespielt; Matt Damon kennt sie aus MYSTIC PIZZA; dazu gesellen sich Elliott Gould, Andy Garcia und Carl Reiner, die man immer gerne mal wiedersieht. Es heißt, Clooney habe Julia Roberts das Drehbuch geschickt mit einem beigehefteten Zwanzig-Dollar-Schein und der Bemerkung: „Wir haben gehört, daß du neuerdings zwanzig pro Film verdienst.“ Sie kriegt natürlich zwanzig Millionen, aber sie hat wie die anderen Stars für weniger gespielt, was ihr Soderbergh mit dem Credit dankt „and introducing Julia Roberts as Tess“, der sonst nur für Debütantinnen reserviert ist. Man sieht also, daß gute Laune in Vegas Trumpf war.

1960 waren es die Casinos Sands, Sahara, Riviera, Flamingo und Desert Inn, die überfallen wurden, heute sind es das Bellagio, das Mirage und das MGM Grand – und statt elf gibt es hundertfünfzig Millionen Dollar zu holen. Heute regiert in Las Vegas auch nicht mehr die Mafia, sondern das Family Entertainment, und deswegen ähnelt der Coup auch nicht mehr einem Gaunerstück, sondern eher einem Filmdreh. Erst wird Geld aufgetrieben, dann gibt es Proben in möglichst naturgetreuer Kulisse, und der Überfall besteht darin, den Überwachungskameras etwas vorzuspielen, während man den Tresor ausräumt. Das entspricht jener alten Definition, nach der das Kino vom Jahrmarkt abstammt, wo einer mit einem Kunststück die Aufmerksamkeit der Zuschauer fesselt, damit ein anderer ihnen unbemerkt die Taschen leeren kann.

Der Coup ist ein großer Blackout. Danach geht das Licht wieder an, als sei nichts gewesen. Es war ja auch nichts. Aber wir haben uns prächtig amüsiert.

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