24. Juni 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Der Musterschüler

Der alte Mann und die Mär

Bryan Singer verfilmt Stephen King: DER MUSTERSCHÜLER

Der beste Trick des Teufels sei es, der Welt weiszumachen, daß es ihn gar nicht gibt. Mit diesem Motto trieb Bryan Singers in seinem Überraschungserfolg DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN ein geschicktes Spiel – in DER MUSTERSCHÜLER sieht es auf den ersten Blick so aus, als mache er mit seinem Spruch diesmal ernst. Schließlich dreht sich die Geschichte um einen alten Nazi, der einst KZ-Kommandant war und dann in Kalifornien untergetaucht ist, wo er nun seinen unscheinbaren Lebensabend verbringt. Der beste Trick dieses Teufels war es, der Welt weiszumachen, er sei längst tot.

So wie die Geschichten in USUAL SUSPECTS ganz vom Talent des Erzählers lebten, so geht es auch hier um den Sog von Erzählung und um den Raum, der sich dadurch jenseits der Bilder öffnet. Als der 16-jährige Musterschüler hinter die Identität des alten Nachbarn gemkommen ist, tauscht er sein Schweigen gegen die Geschichten des alten Mannes, der aus erster hand von den Greueln erzählen soll. Ein bizarrer Deal ist das, bei dem es allerdings weniger um historische Wahrheit oder Anschauung geht als um die Lust an Machtausübung und Demaskierung. Er zwingt den Mann sogar in eine alte Nazi-Uniform und läßt ihn wie eine Klaus-Barbie-Puppe im Zimmer auf- und abmarschieren. Natürlich hat sich der Film da weit vom Dritten Reich entfernt und freut sich an der Dynamik des klaustrophobischen Kammerspiels.

Womöglich liegt gerade im monströsen Umgang mit der Vergangenheit, die letztlich doch nur Spielmaterial bleibt, der Reiz von Singers Film. Gerade weil die Motive des Jungen im Dunkeln bleiben und kein direkter Weg von seinem Wissensdurst zu seinem Machthunger führt, wird DER MUSTERSCHÜLER spannend.

Denn was unterm Strich von diesem Film übrig bleibt, ist von eher zweifelhafter Moral. Daß der Junge der Faszination des Bösen unterliegt und seinerseits das Schweigen erpreßt, das den Nazi jahrzehntelang geschützt hat, ist psychologisch keineswegs zwingend, aber die verschlungenen Wege, die zu diesem Ende führen, werden durch das Duell der beiden Schauspieler Brad Renfro und Ian McKellen vieldeutiger, als der Regisseur selbst vielleicht wahrhaben will. So ist der beste Trick des Films, dem Zuschauer nicht weiszumachen, diese Vergangenheit sei nur eine Mär von Stephen King.

APT PUPIL, USA1998 – Regie: Bryan Singer: Buch: Brandon Royce nach Stephen Kings Erzählung „Der Musterschüler“. Kamera: Newton Thomas Sigel. Musik: John Ottman. Mit: Ian McKellen, Brad Renfro, Elias Koteas, David Schwimmer. Columbia. 111 Minuten.

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