08. Januar 2006 | Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | Filmkritiken, Rezension | Gabrielle

Die Sache mit dem kleinen Finger

Die Kunst, ungerührt zu sein: Isabelle Huppert bleibt auch in Patrice Chéreaus Film GABRIELLE grandios gleichmütig

Als Isabelle Huppert Ende November im Haus der Berliner Festspiele mit Sarah Kanes Monolog „Psychose 4.48“ gastierte und sich hinterher im Foyer den Fragen des Publikums stellte, konnte man physisch erleben, was die französische Schauspielerin auch im Kino seit über dreißig Jahren so irritierend macht. Fast zwei Stunden hatte sie auf der Bühne gestanden, fast zwei Stunden kerzengerade alleine an der Rampe, und hatte unbeweglich in einer Art monotonen Singsangs den Text einer Dramatikerin gesprochen, die darin ihren eigenen Selbstmord vorweggenommen hatte. Zwei Stunden hatte sie sich in die eigene Auslöschung hineingeredet, hatte das Nichts in ihr und um sie herum mit Wortkaskaden aufgefüllt, die zwar mal langsamer und mal schneller flossen, aber die einmal angeschlagene ungerührte Tonlage kaum je verließen. Wie groß die Anspannung gewesen sein mag, konnte man nur daran erkennen, daß sich ihr zwei, drei Mal unwillkürlich der kleine Finger abspreizte und sie hinterher beim Abgang von der Bühne sichtlich Schwierigkeiten hatte, ihre steifen Gelenke wieder in Gang zu bringen. Zwei Stunden Seelenqual und Wahn und Tod also – und kurz darauf sitzt sie im Foyer und antwortet auf die Frage, wie lange die Rolle in ihr nachwirke, mit fast mitleidigem Lächeln: Sie sei Schauspielerin. Und es war, als verstehe sie die Frage gar nicht.

Isabelle Huppert ist in der Tat eine Schauspielerin wie kaum eine andere. Sie war mit sechzehn Filmen öfter als jede andere im Wettbewerb von Cannes und hat dort zweimal gewonnen, war zwölfmal für den César nominiert, den sie nur einmal bekam, und wurde in Venedig für ihre Rolle in GABRIELLE nicht als beste Schauspielerin, sondern gleich mit einem Spezialpreis ausgezeichnet, als wollte die Jury anerkennen, daß sie in einer anderen Liga spielt. So merkwürdig das klingen mag, wirkte es fast wie eine Kapitulation vor ihrer Kunst. Denn es ist alles andere als Verwandlungskunst, was sie in ihren mehr als siebzig Rollen auszeichnet, sondern eher eine Anverwandlungskunst.

Sie scheint in ihren Stoffen aufzugehen oder mehr noch die Stoffe in ihr. Sie scheinen geradezu auf sie zuzustürzen und von ihr absorbiert zu werden wie Energie in einem Schwarzen Loch. Entsprechend ist sie ein Stern, der nicht strahlt, sondern alle Strahlung in sich aufsaugt. Als Star lebt sie quasi von einer negativen Energie, die merkwürdigerweise um vieles präsenter ist als die Ausstrahlung der meisten ihrer Kolleginnen. Man fühlt kaum je mit ihr, aber sie läßt einen nur schwer los. Man versucht, ihr Rätsel zu ergründen, und der Verdacht ist vielleicht nicht so abwegig, daß es gar kein Rätsel gibt; daß die Blässe ihres Gesichtes womöglich nur der ideale Grund für die Phantasien und Mutmaßungen ihrer Zuschauer ist.

Man wird ohnehin den Eindruck nicht los, daß sie sich manchmal ein wenig mit ihrem Publikum langweilt. Als sei sie ausgezogen, in immer noch abgründigeren Rollen das Fürchten zu lernen, aber nichts in ihr hinterläßt wirklich einen Eindruck. Ihr Gleichmut kann bodenlos sein, ihre Härte unerbittlich, ihre Nacktheit vernichtend – selten war eine gewisse Gewöhnlichkeit so aufregend. All das spielt sie in GABRIELLE aus, und zwar mit einer Konsequenz, daß mancher das Gefühl hatte, sie habe diese Rolle schon einmal zu oft gespielt, um noch wirklich faszinierend zu wirken. Dabei ist das gerade der Witz an ihr. Sogar ihr Regisseur Patrice Chéreau war bei den Dreharbeiten eine Zeitlang an ihrer Gleichmütigkeit abgeprallt und fand anfangs, sie mache es sich etwas zu leicht. Aber am Ende hatte Huppert auch ihn in ihren Abgrund hinabgezogen, oder was immer es sein mag, was uns an ihr nicht losläßt.

GABRIELLE ist die Verfilmung einer Erzählung von Joseph Conrad, in der ein Ehemann (Pascal Greggory) eines Tages heimkommt und einen Brief seiner Gattin vorfindet, die ihm aus heiterem Himmel mitteilt, sie habe ihn verlassen. Aber noch während seine Welt um ihn zusammenstürzt, steht sie wieder in der Tür. Keine Erklärungen, nichts. Er und wir werden einen Film lang brauchen, hinter ihre Beweggründe zu kommen, und am Ende hat man einen Blick in eine Welt getan, in der Einsamkeit fast schon ein Trost ist.

Im wirklichen Leben ist Isabelle Huppert natürlich ganz anders – aber im Interview bleibt sie die Schauspielerin. Genau in der Sache, unverbindlich bis unwillig in allem, was darüber hinausgeht. Nur einmal geht ein fast mädchenhaft offenes Lächeln über ihr Gesicht, als sie auf die Sache mit dem kleinen Finger angesprochen wird. Ja, davon habe sie auch schon gehört – das unterlaufe ihr unabsichtlich. Und es wirkt fast so, als geniere sie sich ein wenig, so viel von sich preisgegeben zu haben.

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