06. Mai 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Die Frau auf der Brücke

Gleichung ohne Unbekannte

Ein Film, der zu viel mit den Augen klimpert: Daniel Auteuil und Vanessa Paradis in DIE FRAU AUF DER BRÜCKE von Patrice Leconte

Manchmal gibt es Filme, deren Fehler es ist, zu schön zu sein. Und hinterher hat man ein beinahe klebriges Gefühl, als geniere man sich dafür, darauf hereingefallen zu sein. Als habe man sich von all dem bunten Papier unter Zellophan dazu verführen lassen, eine ganze Schachtel Pralinen zu verputzen. Aber im Kino ist es da wie im Leben: Weniger Pralinen sind manchmal mehr.

Das ist vielleicht nicht ganz fair, aber man muss das vorausschicken, um zu erklären, wie es passieren kann, dass in einem Film jedes Element für sich genommen zu stimmen scheint, im Gesamteindruck jedoch eher Überdruss als Überschuss entsteht. Also nochmal von vorne: DIE FRAU AUF DER BRÜCKE ist in Schwarzweiß und Cinemascope gedreht, was an sich schon unglaublich gut aussieht. Die Hauptrollen spielen Vanessa Paradis, die fortwährend ihre bezaubernde Schneidezahnlücke zwischen stets feuchten Lippen zeigt, und Daniel Auteuil, dessen trauriger Hundeblick dauernd durch schwarz umränderte Augen betont wird – ein zweifellos schönes Paar, dessen Chemie dadurch befeuert wird, dass sie einander nie berühren. Sie müssen es auch gar nicht, weil ihre Liebe so rein, so uneingestanden, so schicksalshaft ist.

Auteuil und Paradis, Gabor und Adèle, ein Messerwerfer und sein Opfer. Sie steht am Anfang auf einer Brücke und will springen, er kommt und sagt, sie sehe aus wie eine Frau, die im Begriff ist, eine Dummheit zu begehen. Am Ende steht er auf einer Brücke, nun in Istanbul, und es gehört nicht viel dazu, sich auszumalen, wer des Weges kommen und was diese Person sagen wird. Woran man schon sieht, dass Patrice Lecontes Film bei all der Poesie, die er bemüht, doch von geradezu mathematischer Kalkuliertheit ist. Gedichte – auch filmische – sind jedoch alles andere als Gleichungen, bei denen sich jede Unbekannte berechnen lässt.

Patrice Lecontes Karriere war bislang ein steter Balanceakt zwischen Kalkül und Poesie. Nach den frühen Erfolgen mit den BRONZÉS wandte er sich anspruchsvolleren Themen zu, schuf mit MONSIEUR HIRE und DER MANN DER FRISEUSE fantastische Gratwanderungen, überzeugte auch mit Genre-Abwandlungen wie DIE SPEZIALISTEN oder RIDICULE, enttäuschte aber auch mit überanstrengten Übungen in Melancholie oder Humor wie DAS PARFUM VON YVONNE oder TANGO.

Demnächst wird von ihm DIE WITWE VON SAINT-PIERRE zu sehen sein, mit Daniel Auteuil, Juliette Binoche und Emir Kusturica in den Hauptrollen, vorher nun aber noch bei uns DIE FRAU AUF DER BRÜCKE, der quasi die besten und die schlechtesten seiner Talente vereint, verrückte Einfälle und die Feier dieser Verrücktheiten – eine Art LA STRADA im Designergewand.

Der Artist und die Naive also, einander in blindem Vertrauen zugetan und durch eine sonderbare Kühle getrennt. Ihre Bindung ist so luftig und fragil wie die Flugbahn der Messer, die neben ihrem Körper einschlagen, und genauso schicksalshaft, weil der geringste Fehler den Tod bedeuten kann. Und Leconte drückt gerade bei diesen Szenen mächtig auf die Tube, zelebriert den artistischen Akt auf eine Weise, dass man nicht weiß, ob man die atemberaubende Ausübung seines Handwerks bewundern soll oder die Schamlosigkeit, mit der er das Ganze als verhinderte Penetration inszeniert. So wirft Gabor seine Messer, mit verbundenen Augen, rückwärts, auf eine drehende Scheibe, und jedesmal ritzt eines der Messer die Haut seiner Assistentin, als handle es sich um eine Entjungferung. So lustvoll wurde noch selten Blut aufgeschleckt wie hier.

Das Ganze wird, wie es im Kino heutzutage Mode ist, mit Telepathie und Rouletteglück zu einer Geschichte um Schicksal und Zufall verknüpft, in der alles möglich, aber nichts notwendig ist. So ringen momentan Psychologie und Stochastik um die Vorherrschaft im Geschichtenerzählen – wie auch in LOLA RENNT oder MAGNOLIA. Und so ist das Problem dieses Films, dass jede Einstellung zu rufen scheint, man müsse sie zu Hause an die Wand hängen, und jedes Gefühl zu betteln scheint, man möge es doch im Herzen tragen. Als würde der Film dauernd mit den Augen klimpern – wie eine Prostituierte, die unter einer Straßenlaterne ihre Dienste anbietet.

LA FILLE SUR LE PONT, F 1999 – Regie: Patrice Leconte. Buch: Serge Frydman. Kamera: Jean-Marie Dreujou. Schnitt: Joelle Hache. Mit: Vanessa Paradis, Daniel Auteuil, Claude Aufaure, Bertie Cortez. Verleih: Concorde. 90 Minuten.

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