02. September 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Eyes Wide Shut

Mit offenen Augen träumen

Kubricks EYES WIDE SHUT eröffnet die Filmfestspiele am Lido

Wie das in Venedig immer so ist, wirkt der Lido einen Tag vor dem Festival so, als wäre die Eröffnung noch Wochen entfernt. Überall wird gebaut und gewerkt, aufgestellt und eingerichtet. Nur auf der Terrasse des Excelsior haben die Foto-Agenturen bereits ihre Claims abgesteckt: Auf dem Boden sind die Namen aufgeklebt, mit denen die Fotografen sich beim Kampf ums beste Bild beim täglichen Foto-Call die Plätze sichern. Dort wird sich in den nächsten zehn Tagen das Blitzlichtgewitter entladen: über Tom Cruise und Nicole Kidman, Harvey Keitel und Kate Winslet, Antonio Banderas und Melanie Griffith, Catherine Deneuve und Isabelle Huppert, Martin Scorsese und Jerry Lewis. Die Bühne ist bereitet – nur die Akteure fehlen noch.

Das gilt auch für EYES WIDE SHUT, dessen Haupt-Akteur, wenn morgen seine beiden Stars erscheinen werden, fehlen wird: Stanley Kubrick, der kurz nach Fertigstellung des Films 70-jährig verstorben ist. Andererseits hat der Mann, der sich stets so rar machte, schon immer lieber seine Filme für sich sprechen lassen. Kubrick war als Person so etwas wie die Leerstelle, der blinde Fleck in seinen Werken. Und die Schilderung seines Drehbuchautors Frederic Raphael – auf Deutsch unter dem Titel „Eyes Wide Open” bei Ullstein erschienen – stützt diesen Eindruck: Bei der Arbeit an EYES WIDE SHUT sei er schier daran verzweifelt, dass der verehrte Meister nie durchblicken ließ, was er wollte, sondern immer nur sagen konnte, was er nicht wollte.

Reigen der Angst

Alles Mögliche hatte man über diesen Film schon hören und lesen können. Er sei zu wenig dies und zu viel jenes. Zu langsam, zu leicht, zu zahm. Die Schauspieler seien zu schwach, die Sex-Szenen zu prüde, die Dialoge zu altbacken. Stimmt auf den ersten Blick alles – und ist am Ende doch nicht wahr. EYES WIDE SHUT ist ein Meisterwerk, ein würdiges Vermächtnis, das auch ohne die bei Kubrick üblichen visuellen Effekte die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann zieht. Und das liegt daran, dass Kubrick darin sozusagen an die Wasserscheide allen Erzählens zurückgeht – zur Frage: Was ist Traum und was ist Wirklichkeit?

Kubrick will zur Abwechslung nicht das letzte Wort haben, hat kein Genre gewählt, dessen Regeln er bis an seine Grenzen ausloten könnte. Er hat einfach Schnitzlers „Traumnovelle” genommen, sie aus Wien ins New York von heute verlegt und sich ins psychoanalytische Labyrinth des Freud-Freundes führen lassen, aus dem es wie in SHINING keinen Ausweg gibt. Was dabei überrascht – und viele wohl auch enttäuscht hat – ist die Tatsache, dass er dabei die Grenzen der Erzählung aus heutiger Sicht eben nicht ausgelotet hat. Weder in erotischer noch in sonst irgendeiner Hinsicht hat er versucht, neue Maßstäbe zu setzen. Hat statt dessen geschaut, wohin ihn diese Erzählung tragen wird. Und das ist, mit seinem Sinn für Bilder und ihre Bedeutungen, immer noch weit genug.

Über zweieinhalb Stunden folgt Kubrick den Irrungen und Wirrungen des New Yorker Arztes Bill, der durch eine erotische Phantasie seiner Frau ins Reich der eigenen Begierden gerät, in der alle sexuellen Sehnsüchte ihn stets auf die eigenen Ängste und Schuldgefühle stoßen. So gesehen ist EYES WIDE SHUT eine mindestens so paranoide Vision vom Leben und Lieben wie Kubricks andere Filme.

So wie in Schnitzlers „Reigen” die Liebe als Pfand von Hand zu Hand geht, so trifft auch in dieser Geschichte jeder Blick auf die Liebe in allen ihren Spielarten. Von Anfang an ist der Film mit erotischen Untertönen durchwirkt, am Ende damit geradezu übersättigt, so wie die Farben, in die die Bilder getaucht sind: das Blau der Nacht, das Rot der Bars, das Ocker der Wände. Egal, wohin sich Bill wendet, überall erlebt er erotische Nachstellungen oder Zumutungen. Es ist leicht vorstellbar, dass Kubrick das Ganze irgendwann mal als erotische Farce geplant hat, mit Steve Martin oder Woody Allen in der Hauptrolle. Dass er statt dessen Tom Cruise, diese grinsende Maske des Erfolgs gewählt hat, gibt der Sache einen Stich ins Sadistische. Je öfter der am Vollzug seiner Gelüste gehindert wird, desto impotenter wirkt er. Und die Tatsache, dass er auch im wirklichen Leben mit Nicole Kidman verheiratet ist, verleiht ihm dabei zusätzliche schauspielerische Glaubwürdigkeit.

Kubrick hat im Londoner Studio ein New York nachbauen lassen, das der realen Metropole nicht näher ist als dem Wien Schnitzlers. Das ist bei einer Geschichte, die so sichtlich eher Willen und Vorstellung des ohnmächtigen Helden als der handfesten Realität entspringt, nur logisch. Man muss sich als Zuschauer vorstellen, dass man mit Tom-Cruise-Maske in diese Welt eintaucht, und seine Angst vor Demaskierung wird irgendwann auch unsere eigene. Dass man sich als Zuschauer in diesem Film ständig ertappt fühlt, ist bei Kubrick, diesem Meister des distanzierten Blicks, eine ganz neue Sensation.

Folglich ist es müßig, über die Abgeschmacktheit der erotischen Darstellungen zu räsonnieren, denn deren Beschränktheit ist in jedem Fall die des Helden. Schon der Autor Raphael wunderte sich, als ihm Kubrick zur Anregung Bildbände von Helmut Newton, Schiele und Klimt in die Hand drückte – dabei dürfte das genau die Sorte Bücher sein, die bei diesem New Yorker Prominentenarzt auf dem Couchtisch liegen. Und davon abgesehen ist die Inszenierung der vielbeschworenen Orgie auch jenseits ihrer ritualisierten Fleischbeschau eindrucksvoll genug. Gerade hier in Venedig wirkt dieser Maskenball sexueller Aussschweifung passender als anderswo. Die zu Fratzen erstarrten Gesichter verweisen dabei auf die Frage, wie nahe man im Moment der Ekstase, im Augenblick der Entäußerung also, der Wahrheit kommt. Oder ob nicht vielleicht die Nacktheit die trügerischste Maske von allen ist?

Auf geradezu magische Weise zieht sich in diesem Film alles zu der einen Frage zusammen, bei deren Beantwortung man sofort vom Hundertsten ins Tausendste kommt: Was ist die Liebe? Wieviel Wahrheit verträgt sie? Und wieviel Lügen? Und worauf basiert also die Treue? Oder um es mit Schnitzler zu sagen: Die Wirklichkeit einer Nacht bedeutet nicht zugleich auch ihre innerste Wahrheit.

Seelenfinsternis

Ein zartes Gespinst ist dieser Film, der mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem dünnen Grat zwischen Phantasie und Wirklichkeit balanciert. Und im Grunde ähnelt Kubricks Arzt den Helden von Antonionis BLOW UP oder Hitchcocks VERTIGO, die auch bei dem Versuch scheitern, Beweise für den Wirklichkeitsgehalt ihrer Einbildungen zu finden. Sie alle steigern sich in etwas hinein, was mehr über ihre Wünsche und Ängste erzählt als über tatsächliche Gegebenheiten. Dass es womöglich gar keine endgültige Wahrheit gibt – schon gar nicht in Seelendingen –, gehört zu den grundlegenden Erfahrungen der Moderne, zu denen der Visionär Kubrick am Ende zurückgeht. Dass sein letzter Blick in die Windungen der Seele führt und nicht in die Labyrinthe des Cyberspace, gehört zu den schönsten Ergebnissen dieses Werks, dessen Titel ja schon die halbe Geschichte des Films und die ganze Wahrheit übers Kino verrät: EYES WIDE SHUT – die Augen weit geschlossen; das heißt im Grunde nichts anderes als: mit offenen Augen träumen.
Das letzte Wort gehört Arthur Schnitzler: „Kein Traum ist völlig Traum. ” Und kein Film ist völlig Film. Das ist in der Tat das Beste, was man übers Kino sagen kann.

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