Carlos – Der Schakal

Das Fahndungsplakat hat man noch im Kopf: das teigige Gesicht mit dem schiefen Mund und vor allem die Brille mit den getönten Gläsern. Das war die gewöhnliche Fratze des Terrors, die viel gespenstischer wirkte als die vergleichsweise fanatisierten Blicke auf den Fahndungsplakaten für die RAF. In CARLOS – DER SCHAKAL kann man nun endlich hinter die Sonnenbrille blicken – nur um festzustellen, dass dahinter immer neue Maskierungen zum Vorschein kommen.

Das ist kein Wunder bei einem Mann, der mit einem Decknamen berühmt wurde und dessen Beiname auf einem Missverständnis beruhte. Bei der Durchsuchung eines seiner Quartiere war 1975 Frederick Forsyths Krimi „Der Schakal“ gefunden worden, was die Presse begierig aufgriff. Carlos hatte das Buch allerdings nie gelesen, es gehörte dem Informanten, der sich mit ihm in Paris die Wohnung geteilt hatte. In Wahrheit hieß der meistgesuchte Terrorist der siebziger und achtziger Jahre Illich Ramirez Sánchez, dessen Vater Anwalt in Venezuela war und der aus marxistischer Überzeugung seine drei Söhne Wladimir, Illich und Lenin getauft hatte.

Kein Wunder, dass zwei der Brüder auf Wunsch der Eltern ab 1968 an der Patrice-Lumumba-Universität in Moskau studierten, wo Illich aber zwei Jahre später wegen „ausschweifenden Lebensstils“ ausgeschlossen wurde. Von dort ging er in ein Trainingslager der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“, wo er seinen Decknamen Carlos bekam, obwohl er lieber Johnny geheißen hätte. Es geht also um einen Mann mit vielen Namen und Gesichtern, der sich gerne als Revolutionär sah und doch nur ein Söldner war.

Das ist eine der Stärken von Olivier Assayas‘ fünfeinhalbstündigem Fernsehfilm, der parallel auch in einer dreistündigen Fassung in unsere Kinos kommt: Wie er Carlos als Meister der Selbstinszenierung zeigt, der revolutionäre Parolen besonders gerne dann einsetzt, wenn er sich davon Vorteile verspricht – besonders bei den Genossinnen -, und der sich als Herr des eigenen Geschicks wähnt, obwohl er längst eine Marionette in einem politischen Spiel ist, das er nie ganz durchschaut.

Ein Glücksfall ist die Besetzung der Titelrolle mit dem venezuelanischen Schauspieler Édgar Ramírez, der kurioserweise auch schon eine Rolle in Steven Soderberghs CHE hatte und in THE BOURNE ULTIMATUM den an Carlos angelehnten Gegenspieler Paz spielte. Er schafft es, der Figur in ihren verschiedenen Stadien der Verfettung eine Art Charisma des Fadenscheinigen zu verleihen.

Sein Carlos ist ein Genussmensch, der den Chic des Radikalen schnell begriffen hat, ein weltläufiger Charmeur, der mindestens fünf Sprachen spricht, ein brutales Schwein, das den Tod von Menschen ungerührt in Kauf nimmt, ein schmieriger Latin Lover, der sich nackt vorm Spiegel verzückt ans Gemächt greift, ein Macho, der ironischerweise ausgerechnet dann vom französischen Geheimdienst 1994 im Sudan geschnappt wird, als er wegen Krampfadern unter höllischen Hodenschmerzen leidet. Ramírez macht diese Übergänge als Handlungsreisender in Sachen Terrorismus fließend und wirkt noch nicht einmal lächerlich, als er sich für den Überfall auf die Opec-Konferenz in Wien 1975 mit Barett als Che stilisiert.

Man muss in diesem Zusammenhang natürlich auch erwähnen, dass „Carlos“ auch eine große Bühne für eine ganze Reihe deutscher Schauspieler ist: allen voran Nora von Waldstätten als seine Ehefrau Magdalena Kopp, die als ätherische Sphinx irgendwann am drögen Alltag der Terroristen-Gattin verzweifelt, oder Alexander Scheer als seine rechte Hand Johannes Weinrich, der tatenlos zusehen muss, wie ihm Carlos die Freundin ausspannt.

Es gibt aber auch noch eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter: Julia Hummer, Christoph Bach, Katharina Schüttler, Jule Böwe, Alexander Beyer, Anna Thalbach, Aljoscha Stadelmann und Udo Samel als Bruno Kreisky. Fast wirkt es so, als würden hier alle drankommen, die noch nicht im BAADER-MEINHOF-KOMPLEX oder Christopher Roths BAADER dabei waren.

Auch Édgar Ramírez spricht übrigens ein passables Deutsch, und schon deswegen sollte man sich den Film in der untertitelten Version ansehen, weil das babylonische Sprachgewirr noch deutlicher macht, warum sich Carlos so behende auf der Weltbühne des Terrorismus bewegen konnte. Als Regisseur operiert auch Assayas ähnlich und erzählt immer häufiger von weltweiten Verstrickungen und den Anforderungen einer globalisierten Welt. Das war schon in DEMONLOVER, CLEAN und BOARDING GATE so, aber auch in seinem wunderbaren „L’heure d’été“ ging es um das Schicksal eines alten Hauses, dessen Erben in allen Weltecken verstreut leben.

Das ist natürlich auch hier das große Thema: Wie dieser postideologische Söldner aus dem Terror ein Geschäft macht, indem er an allen Orten gleichzeitig zu sein scheint und nie zu greifen ist; wie er sich als Handelnder der Machtpolitik der Geheimdienste immer einen Schritt voraus wähnt; und wie er die Welt zu seiner Spielwiese gemacht zu haben glaubt und dann fassungslos ist, wenn sein entführtes Flugzeug dann nirgendwo landen darf und er später auch dort unerwünscht ist, wo ihm immer Unterschlupf geboten wurde.

In ziemlicher Geschwindigkeit schickt Assayas seinen Helden um den Globus, stets auf dem Sprung, eine einzige Folge von Transiträumen: London, Paris, Beirut, Den Haag, Wien, Damaskus, Tripolis, Aden, Ost-Berlin, Budapest, Karthum. Und die Verbindungen zwischen terroristischen Gruppierungen und Geheimdiensten, die dabei eingegangen werden, sind so atemberaubend, wie die Sicherheitsvorkehrungen in der damaligen Zeit hanebüchen waren.

Das meiste möchte man gleich nachschlagen, um es glauben zu können, wie den gescheiterten Panzerfaust-Angriff auf ein El-Al-Fluzeug in Orly oder das dann doch spekulierte Treffen in Bagdad, wo der damalige KGB-Chef Andropow ein Kopfgeld auf Sadat aussetzt. Aber Carlos kassiert auch von Gaddafi eine Anzahlung und ist entsetzt, als er irgendwann mit der Nachricht geweckt wird, Fundamentalisten seien ihm zuvorgekommen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast darüber lachen. Denn natürlich ist es jener Fundamentalismus, der dem Terror später eine andere Dimension gegeben hat, der diesem Profiteur des Kalten Krieges wesensfremd ist.

Wie Assayas in seinem geopolitischen Thriller die Komplexität der Allianzen auflöst in Bewegung, wie er beim Opec-Anschlag im Chaos die Kontrolle behält, wie er ein ganzes Zeitalter auffaltet im Blick auf seinen Protagonisten, das ist schon ein kleines Wunder, das man nach Möglichkeit in voller Länge gesehen haben sollte.

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03. November 2010 von marieundtom
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Schreibe einen Kommentar

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