18. August 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Porträt | Roman Polanski

Kunst der Verwandlung

Roman Polanski wird siebzig Jahre alt

Jene Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit, die Kafka in der „Verwandlung“ nachzeichnet, ist der Schauplatz seiner Filme. Den Gregor Samsa hat Roman Polanski zwar nur auf der Bühne in Paris gespielt, aber er wäre jederzeit auch als Kafka-Regisseur die richtige Besetzung gewesen. Stets geht es um Menschen, die ausgeliefert sind, ihren eingebildeten Ängsten oder ihren allzu wirklichen Verfolgern. Wobei man bei Polanski stets voraussetzen kann, daß die schlimmsten Albträume auch wirklich wahr werden. Das Tragische daran ist, daß es das Leben war, das ihn diese Einsicht gelehrt hat, vom Überleben im Krakauer Ghetto und dem Tod der Mutter in Auschwitz bis zum Mord an seiner Frau Sharon Tate. Da darf man sich nicht wundern, wenn seine Filme diese Erfahrungen immer wieder nachzeichnen, wenn also ROSEMARYS BABY nicht die Geschichte einer pränatalen Depression ist, sondern sich zum diabolischen Horrorfilm auswächst. Und es war auch Polanski, der auf dem tödlichen Ausgang von CHINATOWN beharrte, bei dem die Kugel natürlich mitten ins Auge gehen mußte. Der Erfahrung des Einbruchs der Gewalt hat er in all seinen Filmen nachgespürt, in immer neuen Verkleidungen, und seine Kunst besteht vor allem darin, dafür nicht nur in schwerblütigen Autorenfilmen einen Ausdruck gefunden zu haben, sondern auch in leichterfüßigen Genrefilmen. So wie er spielend die Symbolsprache des polnischen Kinos beherrschte, hat er es auch in Hollywood verstanden, den Filmen seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Nachdem ihm aber ein Prozeß wegen Verführung einer Minderjährigen drohte, ist er aus den Vereinigten Staaten geflohen und bis heute nicht wieder zurückgekehrt. Auch daß sich sein damaliges Opfer anläßlich der diesjährigen Oscar-Verleihung für eine straffreie Rückkehr Polanskis ausgesprochen hat, ändert nichts am Tatbestand. Dafür hat Hollywood den verlorenen Sohn begnadigt und Polanski für seinen semibiographischen Film DER PIANIST den Oscar für die beste Regie zuerkannt. Diese Ehre hat der Mann, der heute siebzig wird, gewiß verdient.

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