Jack Lemmon

Fünf, vier, drei, zwei, eins…Magic Time! So ging die Zauberformel, mit der sich Jack Lemmon ein Leben lang auf den großen Moment vorbereitet hat, bevor der Vorhang hochging oder die Kamera zu laufen begann. Er hatte das mal in einem Fernsehstudio gehört, als der Regisseur die letzten Sekunden vor der Aufzeichnung zählte – und hat es beibehalten: Magic Time! Und genau das war es auch: Reine Magie. Oder wie soll man das nennen, wenn uns jemand Film für Film beigebracht hat, dass nichts so wertvoll ist wie menschliche Schwächen. Das ist vielleicht keine große Erkenntnis, wenn man es so dahinsagt – aber so wie Jack Lemmon das vorgelebt und -gespielt hat, war es einleuchtend wie bei keinem anderen und stets eine Lektion fürs Leben.

John Uhler Lemmon III kam am 8.Februar 1925 im Fahrstuhl eines Krankenhauses in Newton, Massachusetts zur Welt, und wenn Jack Lemmon auch im wirklichen Leben viel Erfolg gehabt hat, dann kann man doch sagen, dass dieses Glück im Unglück symptomatisch für ihn war: stets zur falschen Zeit am falschen Ort – und dennoch immer irgendwie goldrichtig. Lemmons Vater war – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – Vizepräsident der Doughnut Corporation of America, also verantwortlich für jene Gebäckkringel mit dem Loch in der Mitte – einer jener idiotischen Berufe, aus denen die Komödien seines Sohnes später gern ihren Witz bezogen. Man sieht ihn direkt vor sich, wie er jeden Morgen ins Auto steigt, um in seine Fabrik zu fahren, die etwas herstellt, was hauptsächlich aus einem Loch besteht – und wie er eines Tages aufwacht und merkt, dass es vor allem sein eigenes Leben ist, das ein Loch in der Mitte hat. Natürlich gibt es diesen Film nicht, aber das ist ungefähr das Muster, nach dem viele von Lemmons Rollen aufgebaut sind.

Natürlich war Lemmon selten der Vizepräsident, sondern immer eher Angestellter, bestenfalls mittleres Management; jedenfalls immer mit wenig Raum nach unten wie oben, so dass er bei den geringsten Unregelmäßigkeiten sofort wie Sand im Getriebe wirkte. C.C.Baxter im APARTMENT, das ist der Mann, der es allen recht machen will und daran fast zugrunde geht, ein nützlicher Idiot, der in seiner Unterforderung dauernd überfordert wirkt. Weil Shirley MacLaine Lemmon am Ende so bezaubernd zum Schweigen bringt – „Halt den Mund und schenk ein!” –, vergisst man gerne, welche Abgründe sich bis dahin aufgetan haben, wie tief Lemmon sinken musste, um am Ende zu sich zu finden. Vielleicht sollte man sich Kafkas Helden nicht immer als bleiche Jünglinge vorstellen, sondern muss sich Jack Lemmon in diese Rollen denken. Dass einer als Käfer erwacht, das kann eigentlich nur ihm passieren. Und für K. kommt eigentlich auch nur Lemmon in Frage. Genau darin bestand die Größe des amerikanischen Kinos und seiner Schauspieler: dass es sich auf Kafka seinen Reim machen konnte, ohne darüber gleich in Depression zu verfallen.

Kein Handlungsreisender

Man muss sich das immer vor Augen halten, wie jämmerlich Lemmon sein konnte, wie bitter sein Schicksal. Wenn man ihn als Alkoholiker in „Tage des Weins und der Rosen”, als abgehalfterten Vertreter in GLENGARRY GLEN ROSS oder als kleinen Spitzel in JFK sieht, dann ist man froh, dass er uns in TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN erspart blieb – das wäre wirklich des Guten zu viel gewesen. Wenn man Lemmon in jenen Rollen sieht, dann weiß man, woher er seine Spannkraft als Komiker bezieht. Unter all dem Aberwitz, in den er sich gern hineinsteigert, liegt jene Ebene, wo der Spaß eigentlich aufhört.

Vielleicht machte genau das seine Größe als Komödiant aus: man nimmt ihm jederzeit ab, dass alles schrecklich schief gehen könnte, und dass die reale Katastrophe bei ihm immer mehr war als nur Rhetorik.

„Nobody’s perfect” – jener legendäre Schlusssatz aus SOME LIKE IT HOT – war sein Programm. Und keiner konnte wie er auf so tröstliche Weise vorführen, wie wahr dieser Satz ist – und wie sinnlos alles Streben nach Vervollkommnung des Menschen. Jack Lemmon war schon ein Stadtneurotiker, als es diesen Ausdruck überhaupt noch nicht gab. Ob als Miesepeter, Reisemuffel, Hypochonder oder Ordnungsfanatiker, stets ist er der Gefangene seiner Macken und Marotten, vor allem aber seines Körpers gewesen. Man muss nur zusehen, wie er in THE ODD COUPLE mit seinem Stirnhöhlenkattarh seinen ewigen Partner Walter Matthau zur Raserei treibt. Bei kaum einem anderen Menschen, der sich so unwohl in seiner Haut fühlt, hat man sich als Zuschauer so wohl gefühlt. Und wer sich im wirklichen Leben über irgendeine Nervensäge ärgert, der muss nur mal versuchen, sich Jack Lemmon in dieser Rolle vorzustellen – dann lassen sich dem Ärger ganz andere Seiten abgewinnen.

Denn hinter all dem Weinen und Greinen, Jammern und Wimmern gibt es eine Art Choreographie des Leidens bei ihm, die ihm noch im Keller der Emotionen so etwas wie Leichtfüßigkeit verleiht. Jeder Katastrophe scheint er ihre eigene Melodie abzugewinnen, auf jeden Schlag des Schicksal mit einer neuen Schrittkombination des Herzens zu reagieren. Lemmon hat als Mensch das, was man bei Boxern Nehmerqualitäten nennt. Er kann wie kein anderer seinen Stolz verleugnen, Demütigungen wegstecken, Ärger herunterschlucken. Jack Lemmon hat aus solchen Situationen geradezu eine Kunstform und als geprügelter Hund eine Karriere gemacht.

Und wenn es so etwas wie eine typische Situation für ihn gibt, dann ist das jener Moment, wo er nicht mehr ein noch aus weiß. Wenn sein Mund nach Worten schnappt und seine Seele um Antworten ringt. Diese Fassungslosigkeit, die er in allen Gemütsschattierungen beherrschte, wurde bei ihm nicht zur Routine, sondern zu einer Kunst. Da ist er in seinem Element: Wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird und er sich wie ein Fisch auf dem Trockenen windet. Wenn sein Redefluss schlagartig zum Erliegen kommt, weil er plötzlich zu begreifen scheint, was er die ganze Zeit geredet hat. Wenn er auf einmal erkennt, dass er in einer Nussschale sitzt und um ihn herum nichts ist als Meer. Da steht er dann wieder mal kurz vor dem Selbstmord, der Scheidung, der Entlassung oder bloß einem Niesanfall, jedenfalls so oder so am Rande seiner Existenz, und was für uns Zuschauer nur wie ein kleiner Schritt aussieht, ist für Jack Lemmon jedesmal ein großer Sprung. Bis in seinen Jedermännern der Jemand den Niemand niedergerungen hat, hat er mehr Schläge eingesteckt, als die meisten von uns ertragen könnten.

Das ist vielleicht der Moment, eine Szene aus Blake Edwards’ Film mit dem schönen Titel THAT’S LIFE ins Gedächtnis zu rufen, weil Lemmon dort so ganz und gar in seinem Element war. Da sitzt er mit Julie Andrews in einem Restaurant und lässt den Geschäftsführer kommen, weil er seit zehn Minuten auf einem Stück zähem Hummerfleisch herumkaut. Wie der Hummer hier denn zubereitet werde, will er wissen. Er werde ins kochende Wasser geworfen, heißt es, wie überall. Lemmon ist fassungslos. Es sei ja wohl kein Wunder, wenn der Hummer dabei vor Schreck zäh werde. Man müsse ihn in warmen Weißwein legen. Denn wenn man dann den Wein langsam erhitzt, sei der Hummer schon vor dem Siedepunkt so betrunken, dass er nichts mehr merkt und einen glücklichen Tod sterben könne. Und so wie Jack Lemmon bei Tisch zur Veranschaulichung den glücklich sterbenden Hummer gibt, wünscht man sich, ihm möge ein ähnlicher Abgang gelungen sein.

76 Jahre alt war Jack Lemmon, als er gestern in Los Angeles starb. Seine Familie war bei ihm. Fünf, vier, drei, zwei, eins… no more Magic Time.

Wir werden uns trotzdem in seinen Filmen immer ein wenig so fühlen, als habe man uns in Weißwein gelegt.

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29. Juni 2001 von marieundtom
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