02. Oktober 2000 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Leander Haußmann

Vom Stolz, ein DDR-Bürger zu sein: „Ihr seid die Idioten“

Regisseur Leander Haußmann über das Enttäuschende an der Einigung

SZ: Ihren Film SONNENALLEE haben über zwei Millionen Leute gesehen – wie viel verdankt der Erfolg der Teilung von Ost und West?
Haußmann: Wir wollten einen Film machen, in dem die Leute neidisch werden, dass sie da nicht gelebt haben. Wo doch die Politiker die DDR gerne in Konzentrationslagernähe rücken, um ihre historische Mission in dieser Sache hervorzuheben. Und das ist es, was DDR-Bürgern stinkt: Man soll immer entweder Lagerkommandant oder Lagerinsasse gewesen sein – das Dazwischen war aber der Alltag.
SZ: Am Ende Ihres Films wird die DDR als schönstes Land der Welt bezeichnet für die, die jung und verliebt waren. Konnte man die politische Realität wirklich so weit ausblenden?
Haußmann: Ich habe bewusst historische Wahrheiten verdreht, damit klar wird, dass es sich nicht um einen historischen Film handelt, sondern um eine Mary-Poppins-Welt. Die lautesten Kritiken kamen aus dem Westen, weil das Bild, das sie sich gerne machen würden, in SONNENALLEE nicht eingehalten wird.
SZ: Wie erleben Sie dieses Bild der Westdeutschen?
Haußmann: Die meisten waren gar nicht informiert, während wir alles über den Westen wussten. Tatsächlich war der Wegfall der Mauer für die Wessis psychologisch viel schlimmer. Erstmals sahen die Ossis, dass Tante Erna gar nichts hatte. Und das wird übel genommen: dass man erwischt wird in den eigenen vier Wänden.
SZ: Hätte man die Einheit besser gestalten können, oder musste alles so kommen?
Haußmann: Erst mal muss man sich die Frage stellen: Was hinterlässt das in der Weltgeschichte, dass diese DDR da war? Hat das ein Bewusstsein geschaffen, etwas Neues hervorgebracht, in irgendeiner Form irgendwen verändert? Was bleibt, ist nur der negative Aspekt, dass der einzige Traum der Menschheit, nämlich alle Menschen werden gleich und Brüder, ausgeträumt ist. Dass an diese Stelle das Kapital getreten ist – also der Sieg des Bösen über das Gute. Wer sagt denn, dass das, was die Klassiker der marxistischen Lehre niedergeschrieben haben, so falsch ist? Nie hat Marx gesagt, dass ein Land es innerhalb der Marktsituation in dieser Welt im Alleingang schaffen kann. Das Problem dieser ganzen Einigungsgeschichte und letztlich der DDR ist immer das Gleiche: Ein Politiker möchte sein Lebenswerk noch zu Lebzeiten erfüllt sehen. Da werden Worte wie „Architekt der Einheit“ benutzt, da wird auf einen Menschen konzentriert, was eigentlich ein organischer Prozess sein müsste. Das große Verbrechen der Kommunisten an den Menschen ist, dass nur noch jenes Ideal übrig geblieben ist, das behauptet: „Money makes the world go round. “
SZ: Aber da der Sieg des Kapitalismus offenbar unausweichlich war: Hätte man nicht wenigstens die Einigung besser gestalten können?
Haußmann: Als die Menschen auf die Straße gingen, entstand so was wie ein Revolution, und das Furchtbarste, was dieser Revolution passieren konnte, war die Schwäche des Gegners. Da gehen Leute auf die Straße, tippen einmal den Gegner an, und die Pappkameraden fallen der Reihe nach um. Damit ist einer Revolution Kraft, Form und Bewusstsein genommen. Der letzte der Ertrinkenden öffnet noch den Staudamm, und du kannst diese Fluten nicht mehr bändigen. Historisch hätte es anders laufen müssen, aber es war auch niemand in der Situation, zu sagen: Wir müssen erstmal für unser Volk eine Regierung schaffen, die den Zeitplan bestimmt. Stattdessen wurde der Zeitplan von anderen bestimmt.
SZ: Brutal gefragt: Wär’s besser gelaufen, wenn Leute gestorben wären?
Haußmann: Ich will jetzt nicht wie Saint-Just in DANTONS TOD reden: „Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das Wort Blut nicht wohl vertragen können. “ Es klingt natürlich zynisch, aber es ist leider so, dass jede Form der Veränderung eigentlich mit Blutvergießen zu tun haben muss. Und es war vielleicht pubertär, aber ich wollte erwischt und verhaftet werden – und das was für viele so. Aber allen war klar, dass nichts hätte passieren können, die waren zu alt. Das wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn wir eine Räterepublik hätten gründen können, wenn wir etwas mehr Zeit hätten gewinnen können, wenn die Mauer nicht gleich niedergerissen worden wäre. Was haben wir erreicht: Nichts. Ein paar genervte Schulkinder werden damit in zwanzig Jahren auf zwei Seiten im Geschichtsbuch gequält werden, und dann wird man es überblättern.
SZ: Fühlen Sie sich als Gesamtdeutscher?
Haußmann: Das Komische ist: Ich habe mich nie als Ostler gefühlt. Aber je mehr Zeit vergeht, umso mehr fühle ich mich als Ostler. Man wird immer wieder daran erinnert, dass wir etwas haben, was die Wessis nicht haben: ein Wir-Gefühl. Du hast eine Erfahrung, die nicht viele gemacht haben, und darauf kann man stolz sein. So kann man sagen: Ich komme aus der DDR und habe das erlebt. Und wenn ihr wissen wollt, wie es war: Ich erzähl’s euch gern.
SZ: Wenn Sie das sagen, klingen Sie doch auch ziemlich enttäuscht.
Haußmann: Ich habe dieses System gehasst, ich habe den Osten gehasst, ich habe die Leute gehasst, ich habe mich nie als Mitglied dieses Staates begriffen, aber als die Mauer fiel, sollte ich auf einmal Mitglied dieses Staates gewesen sein. Irgendwann habe ich dann aufgegeben und okay gesagt, wie andere auch. Die Arroganz und diese Form von scheinbarer Toleranz veranlassen einen dann auch dazu, umzudrehen und zu sagen: „Ich stehe jetzt dazu, DDR-Bürger zu sein – ihr seid die Idioten. “

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