01. September 1995 | Die Zeit | Essay | Paris im Kino

Warenzeichen der Liebe

Drei amerikanische Filme in und über Paris

Am schönsten hat es Ernst Lubitsch formuliert: „Es gibt das Paris von Paramount, das Paris von MGM und das Paris in Frankreich. Das von Paramount ist das pariserischste von allen.“ Der Spruch folgt der verqueren Logik Hollywoods: Wirkung ist alles, Wirklichkeit nichts. Paris ist demzufolge nicht mehr als sein größter gemeinsamer Nenner. Der ist dreihundert Meter hoch und heißt Eiffelturm.

Meg Ryan, die in Paris erst mal ihr Gepäck, dann ihren Verlobten und sonst gar nichts finden will, ist in FRENCH KISS blind für die Schönheiten dieser Stadt. Dauernd läuft sie am Eiffelturm vorbei, ohne ihn zu sehen. Immer wieder schiebt er sich im Hintergrund irgendwo ins Bild, während sie im Vordergrund versucht, sich zurechtzufinden. Das sagt schon alles über sie. Sie weiß sehr genau, was sie will. Und dazu gehört, dieser Stadt nicht in die Falle zu gehen. Das hat schon ihr Verlobter gemacht, der sich von einer Französin hat verführen lassen.

Auch Billy Crystal hat mit dieser Stadt nichts am Hut. Er wollte nur seinen Vater, einen Veteranen der Landung in der Normandie, in Frankreich beerdigen, aber dann war am Flughafen der Sarg zwei Tage lang verschwunden, und außer einem Abend mit der charmanten Dame von der Fluggesellschaft hat er von Paris nicht viel gesehen. Weil die Dame von Debra Winger gespielt wird, überlegt er es sich kurz vor der Abreise noch einmal anders und meint, wenn er schon mal da sei, dann könne er sich ja auch die Stadt ansehen. Was es denn hier so gebe? Zum Beispiel den Eiffelturm, sagt seine Begleiterin. Ach was, sagt er mit gespielter Überraschung, hier steht der also.

Billy Crystal ist kein Komödiant, sondern ein Komiker. Und er ist hier nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Regisseur. In beiden Fällen ist sein Talent in FORGET PARIS richtig eingesetzt. Der Film spielt eigentlich nur kurz in Paris, und den Rest der Zeit tut das Paar alles, um Paris zu vergessen. Aber es gelingt ihm nicht. So ist das in den meisten Filmen, die in dieser Stadt spielen. Es geht darin um Leute, die ihr Herz in Paris verlieren, und um Leute, die dann Paris in ihrem Herzen wiederfinden. Sie sind in Paris, und Paris ist in ihnen. Oder was sie dafür halten.
In „Jefferson in Paris“ kommt der Eiffelturm leider nicht vor. Was womöglich daran liegt, daß er 1784 noch nicht gebaut war. Es kommt auch sonst nicht viel Paris vor, aber dafür jede Menge Jefferson. Er war sozusagen der erste Amerikaner in Paris, weil er nach dem Pariser Frieden, in dem die Souveränität der Vereinigten Staaten besiegelt wurde, als Botschafter seines Landes dort seine Residenz bezog. So wie James Ivory ihn zeigt und Nick Nolte ihn spielt, war er auch nicht anders als all die anderen, die ihm in den nächsten beiden Jahrhunderten folgten: Wohl hat er sich vom Savoir-vivre anstecken, keineswegs aber vom American way of life abbringen lassen.

Wie immer bei Ivory weiß man hinterher kaum zu sagen, was das Herz beim Sehen so bewegt hat. Die Intrigen sind bei ihm eigentlich nie sonderlich verwickelt, aber die Gefühle dafür um so komplizierter. Ihnen beim langsamen Auftauchen an die Oberfläche der Handlung zuzusehen ist immer wieder ein Genuß. Warum etwa der Witwer Jefferson und die schöne Greta Scacchi nicht zusammenkommen, das läßt sich nicht anders oder genauer beschreiben als durch diesen Film. Ivorys Geschichten entziehen sich bei aller Romanhaftigkeit den Worten. Man nennt das häufig altmodisch und bieder. Dabei sind die Filme alles andere als behäbig. Sie sind nur ganz genau, was das Fühlen und Sehen angeht.

Lawrence Kasdan hat immer Filme über die heikle Balance zwischen Träumen und Wirklichkeit gedreht und diesmal aus diesem Konflikt eine für seine Verhältnisse ungemein leichtfüßige Komödie gemacht. In FRENCH KISS stellt er der in ihrer Kompliziertheit so einfach gestrickten Meg Ryan, die den Film auch produziert hat, seinen alten Freund Kevin Kline zu Seite. Der spielt anstelle von Gérard Depardieu, der nicht abkömmlich war, mit Witz und Bravour einen Franzosen, wie er im Buch steht. Er trinkt viel, redet viel und denkt immer nur an das eine – zumindest sieht das Meg Ryan so. Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus, aber bis die Geschichte soweit ist, dem Film einen doppelten Boden einzuziehen, ist es schon zu spät. Da möchte man nur noch leichten Fußes zum Happy-End weitereilen.

Billy Crystal hat in FORGET PARIS zum zweiten Mal nach MR. SATURDAY NIGHT selbst Regie geführt, und er macht das, was er am besten kann – er gibt dem Affen Zucker. Aus seinem Film wäre die reinste One-Man-Show geworden, wenn er nicht die charmante Idee gehabt hätte, die wechselhafte Liebesgeschichte des Paares, das sich einst in Paris kennengelernt hat, in eine Rahmenhandlung einzubetten. Da sitzen Joe Mantegna und Cynthia Stevenson im Restaurant und warten auf seine Freunde, denen er seine Zukünftige vorstellen möchte. Dabei fängt er an, die Geschichte von Billy Crystal und Debra Winger zu erzählen, und jedes weitere Paar, das hinzustößt, setzt die Geschichte fort. Dabei spiegelt sich in jeder neuen Erzählung auch der jeweilige Erzähler und seine Einstellung zur Ehe. Einmal sieht man, wie Debra Winger Crystal fragt, ob er noch mit in ihre Wohnung kommen wolle, und er ablehnt, weil sie ihm nicht attraktiv genug sei. Da schaltet sich die Zuhörerin ein: „Was, das hat er wirklich gesagt?“ Und der Erzähler antwortet: „Nein. Ich wollte nur sehen, ob du mir noch zuhörst.“

Natürlich steht das Liebespaar auch nachts am Seine-Quai, und Crystal freut sich, weil er das aus EIN AMERIKANER IN PARIS kennt. Sofort fühlt er sich wie Gene Kelly und nimmt seine Leslie Caron in den Arm. So sehen wir also im Kino, wie das wirkliche Leben dem Kino hinterherläuft. Und die nächsten Liebespaare an der Seine werden sich dann an Billy Crystal erinnern, der sich an Gene Kelly erinnert. In Frankreich ist das Leben vielleicht ein Roman, anderswo ist es ein Zitat. Und der Eiffelturm ist im Kino längst nicht mehr nur das Wahrzeichen von Paris, sondern sein eingetragenes Warenzeichen. Es steht für die Liebe und alles, was dazugehört.

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