04. September 1995 | Jetzt Magazin | Essay, Leben | Baseball

Auf einen Blick: Baseball

Was man über diesen Sport wissen sollte

Jeder Zweite trägt eine Baseballkappe, als wäre er damit aufgewachsen, aber keine Sau versteht etwas von diesem Sport. Die einen halten ihn für langweilig, die anderen für kompliziert, und natürlich ist er weder das eine noch das andere, wenn man mal ein paar Grundregeln begriffen hat. Und wenn man die mal weiß, wird man auch Amerika besser verstehen. Denn ohne Baseball ist man in diesem Land völlig aufgeschmissen.

Der Ball sieht aus wie ein Tennisball, ist aber etwas größer und verdammt viel schwerer. Innen ist ein Kern aus Kork, der mit Garn umwickelt und in Leder eingenäht wird. Die Stiche der Naht sind von Susan Sarandon in dem Film ANNIES MÄNNER mit einem Rosenkranz verglichen worden – auch daran sieht man, wie heilig dieser Sport in Amerika ist.

DIe Zuschauer sind freundliche Menschen, die niemandem Böses tun. Hooligans kennt der Baseball nicht. Bevor das Spiel beginnt, stehen sie auf, halten ihre Mütze an die Brust und singen die Nationalhymne: „…land of the free, home of the brave”. Und schmettern: „Take me out to the Ball Game.”

Der Catcher ist überall dort gepolstert, wo es wehtut, und muß die Bälle seines Werfers fangen, wenn sie nicht vorher vom Schläger getroffen werden. Meistens schafft er das auch. Läßt er den Ball jedoch fallen oder erwischt ihn nicht, kann der Gegner die Gelegenheit nutzen und zur nächsten Base laufen. Catcher geben dem Werfer mit den Fingern zwischen den Beinen Geheimzeichen, welche Wurftechnik er versuchen soll.

Der Schiedsrichter muß entscheiden, ob der Ball durch die Strike-Zone, die zwischen den Knien und den Armbeugen des Batters liegt, geflogen ist. Ist er das, brüllt der Umpire „Strike!”. Beim dritten Strike muß der Batter gehen, und der nächste ist dran. Ist der Ball außerhalb der Zone, nennt man das „Ball”. Wirft der Pitcher viermal hintereinander einen „Ball”, darf der Batter zur ersten Base gehen. Passiert das zu oft, wird es Zeit, den Werfer auszuwechseln. In jedem Fall geht es bei der Frage, ob ein Ball drinnen oder draußen war, oft um Zentimeter.

Der Batter, also der Mann mit dem Schläger in der Hand, muß versuchen, den Ball so zu treffen, daß er nicht nur weit fliegt, sondern auch von keinem aus der Luft gefangen werden kann. Das ist für die meisten am Baseball so verwirrend: Wenn ein Batter endlich mal den Ball trifft und er irgendwo weit draußen im Feld gefangen wird, sieht das zwar gut aus, führt aber dazu, daß der Schläger sofort aus ist. Er muß also so schlagen, daß der Ball vorher mal auf dem Boden aufkommt, ehe er gefangen wird. Am besten schlägt er ihn jedoch gleich über den Zaun: Dann kann ihn keiner mehr fangen, und das ist dann ein Homerun.

18,44 Meter liegen zwischen dem Wurfmal und dem Schlagmal. Das ist ziemlich weit, wenn man bedenkt, daß die Strike-Zone nicht besonders groß ist, aber nicht so sonderlich weit, wenn es darum geht, einen immerhin 150 Gramm schweren Ball so zu werfen, daß er die absonderlichsten Bögen und Flatterbewegungen macht, ehe er ankommt. Wobei die verschiedenen Würfe eine Wissenschaft für sich sind: Es gibt Fastball, Curveball, Knuckleball, Screwball, Slider, Sinker und andere mehr. Sinker fliegen erst lange geradeaus und gerade, wenn der Batter denkt, den Ball treffe er ganz leicht, dreht er sich nach unten oder zur Seite weg.

Auf einem kleinen, 25 Zentimeter hohen Hügel steht der sogenannte Pitcher, der versucht, den Ball so zu werfen, daß der Gegner erst denkt, daß er trifft, dann aber doch danebenhaut. Wenn der Pitcher bösartig ist, dann zielt er direkt auf den Gegner. Das darf er zwar nicht, aber damit läßt sich der Gegner manchmal ganz gut einschüchtern.

Diamond nennt man das Viereck, das von den drei Bases und der Homebase begrenzt wird. Wie nichts anderes steht der Anblick des weißen Diamanten auf grünem Grund für ein besseres Amerika, das seine Unschuld noch nicht verloren hat. Und das, obwohl bereits 1919 dieser Sport von einem großen Bestechungs-skandal erschüttert worden ist.

Die First Base liegt 27,43 Meter vom Schlagmal entfernt. Der Batter muß den Ball also so weit schlagen, daß er die erste Base im Sprint erreicht, ehe die gegnerische Mannschaft den Ball abgefangen und zu dieser Base geworfen hat. Auch da steht ein Schiedsrichter, der entscheidet, wer zuerst da war, der Läufer oder der Ball. Hat der Batter den Ball besonders weit geschlagen, kann er auch riskieren, gleich zur zweiten oder gar dritten Base weiterzurennen.

Es gibt neun Innings, in denen jede Mannschaft jeweils einmal mit Schlagen dran ist. Ein Inning dauert so lange, bis es der Werfer geschafft hat, drei Batter auszuwerfen. Weil jeder Schläger dreimal danebenhauen darf, bis er aus ist, dauert das eine Weile. Theoretisch kann ein Inning also ewig dauern – wenn alle Schläger immer treffen. Aber weil selbst die besten unter ihnen höchstens viermal bei zehn Versuchen auf die erste Base kommen, ist das noch nie vorgekommen.

Im Outfield stehen die Mitspieler des Werfers und versuchen, den Ball so schnell wie möglich aufzufangen, am besten gleich aus der Luft, und ihn zur Base zu werfen, ehe der Batter dort ankommt. Da gibt es viel Raum für Mißgeschicke aller Art: Spieler, die sich gegenseitig über den Haufen rennen beim Versuch, an den Ball zu kommen; Bälle, die schon im Handschuh sind und dann noch fallengelassen werden.

120 Meter sind es bis zur Absperrung, wo das Spielfeld zu Ende ist. Wer so weit oder weiter schlägt, hat einen Homerun, auch liebevoll Homer genannt, erzielt. Dann darf er unter dem Beifall des Publikums gemächlichen Schritts über die ersten drei Bases zur Homebase, dem Ziel aller amerikanischen Helden laufen. Das gibt dann einen Punkt. Wenn auf den anderen Bases auch schon Spieler standen, dann dürfen auch sie ins Ziel gehen und einen Punkt machen. Im Idealfall bringt ein Homerun also vier Punkte. Und wer am Ende die meisten Punkte hat, hat gewonnen. So einfach ist das.

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