10. Juli 1995 | Süddeutsche Zeitung | Essay | New York im Kino

Bright Lights, Big City

Die Stadt frißt ihre Kinder: New York in den Achtzigern

Wenn die Nacht langsam kommt und die Stadt zu leuchten beginnt, dann sieht es aus, als habe man Türme funkelnder Goldmünzen auf einen Spieltisch geschoben. Faites vos jeux! Das ist die Parole für das New York der Achtziger Jahre.

Es gibt im Kino eine Liturgie der Annäherung an New York. Mit leicht gesenktem Blick nähert sich die Kamera im Flug der fernen Silhouette, taucht dann ein in den Glanz und läßt sich vom geschäftigen Treiben gefangennehmen, um sich schließlich auf ein Gesicht in der Menge zu stürzen. So geht das immer wieder los, ob in WALL STREET (39,95 Mark) oder WORKING GIRL (29,95 Mark). Wie ein Gang zum Altar, wie ein Sprung in den Vulkan.

New York war in den Achtzigern das Fegefeuer der Eitelkeiten, das Paradies der Yuppies, ein Kaufhaus der teuren Vergnügungen. Das Schwarzweiß von Woody Allens beschaulichem Manhattan wurde abgelöst vom lüsternen Schimmern der Kathedralen des teuren Geschmacks. Den verspielten Märchen vom Konsumparadies wie BIG und DER PRINZ AUS ZAMUNDA (29,95 Mark) standen die Alpträume vom gefräßigen Großstadtmoloch wie BLUE STEEL (29,95 Mark) und JACOB’S LADDER der Großstadt (39,95 Mark). Dazwischen gab es geradlinige Aufstiegsphantasien wie COCKTAIL, WALL STREET und WORKING GIRL, Drogengeschichten wie DIE GRELLEN LICHTER und NEW JACK CITY (29,95 Mark) oder romantische Komödien wie MONDSÜCHTIG (29,95 Mark) und SCHLAFLOS IN SEATTLE und über alles legten sich die überzeichneten Versionen von New York wie BATMAN (29,95 Mark) oder DICK TRACEY.

Wenn man also aus heutiger Sicht die Augen zukneift, dann sieht man ein verführerisches Glühen, bunte Lichter vor düsterem Hintergrund, eine Mischung aus Neonlicht und indirekter Beleuchtung. Der Blick konzentrierte sich in den Achtzigern weniger auf einzelne Attraktionen, sondern es wurde versucht, eine besondere Atmosphäre, ein bestimmtes Licht einzufangen. Das Design bestimmte den Schein.

Jenseits von Woody Allen und Martin Scorsese, Spike Lee und Abel Ferrara, die ihr New York aus ganz eigenen Perspektiven zeigten, gab es eine Stadt zu sehen, die weniger dem Guten, Wahren, Schönen verpflichtet war, sondern eher der Losung: Schneller, Höher, Weiter. Das eindrucksvollste Bild stammt dabei aus BLUE STEEL, wo Ron Silver nach einem seiner Morde blutverschmiert und nackt auf dem Dach vor der nächtlichen Silhouette steht, wie ein gefräßiges Tier, das gerade im Dschungel seine Beute gerissen hat. Das war der ultimative Kommentar zu den Gierigen Achtzigern in New York, in denen das ewige Gesetz des Großstadtdschungels wieder zu seinem Recht kam: Fressen und gefressen werden.

Harrison Ford ging in IN SACHEN HENRY Zigaretten kaufen und wurde in den Kopf geschossen; Robin Williams ging in KÖNIG DER FISCHER in ein Restaurant und lief Amok; Bridget Fonda wollte in WEIBLICH, LEDIG, JUNG SUCHT nur eine Mitbewohnerin und hatte auf einmal eine Psychopathin in der Wohnung; und Al Pacino lernte in SEA OF LOVE Ellen Barkin kennen und war nicht sicher, ob sie nicht vielleicht die gesuchte Mörderin ist. Die Gefahren lauern an jeder Ecke und manchmal wie in SLIVER gar im eigenen Haus. Was das angeht, war Rosemarys BABY geradezu visionär, vor allem in der Art, wie er die sehr moderne Paranoia der Großstadt mit dem eher altmodischen Schrecken des Satanskultes vermischte.

In all diesen Filmen wird New York weniger zur Hauptstadt der Moderne als zur Kapitale der Postmoderne gemacht. Es werden weniger die Perspektiven in die Zukunft eröffnet als die Vergleiche mit der Vergangenheit gesucht. All die in Burgen, Paläste und Kathedralen des Kapitals verwandelten Wolkenkratzer verleihen Manhattan etwas geradezu altertümliches. Das wirkliche New York ist anderswo. (Wenn nicht anders angegeben, kosten die Cassetten 39,95 Mark.)

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