04. September 1999 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 1999 (4)

Unter Wasser stirbt man nicht

Filmfest Venedig: Das Kino guckt der Kunst bei der Arbeit zu

Direkt gegenüber der Anlegestelle des Lido liegt eine Kirche. Es ist keine Kirche, die man besichtigen müsste, nicht einmal eine, die man wahrnimmt, wenn man davor steht. Dafür ist auch viel zu viel Betrieb an diesem Ort, wo die Schiffe anlegen und abfahren. Und doch kann es passieren, dass sich die Türe öffnet und ein Sarg herausgefahren wird, gefolgt von einer Schar älterer Damen und weniger älterer Herren. Einen Moment warten die vier Sargträger, dann setzen sie sich in Bewegung, über den Zebrastreifen, hinein ins Gewühl vor dem Anleger, zum nächsten Schiff oder sonstwohin. Passanten erschrecken und bekreuzigen sich, und eine Mutter erklärt ihren Kindern, dass diese Geste ein Zeichen des Respekts sei.
Ein einsamer Herr mittleren Alters folgt dem Sarg, und man mag annehmen, dass seine alte Mutter darin liegt. Dieser Tod in Venedig ist eine Geschichte, wie sie nur das Leben erzählt, eine Geschichte ohne Pointe. Aber der Sarg auf Rädern in der grellen Mittagssonne des Lido ist eines jener Bilder, die sich in der Erinnerung verhaken –- eines jener Bilder, nach denen man auch im Kino sucht.

Der Trailer zu den Wettbewerbsfilmen in Venedig lebt von jenen Kinobildern, die sich in der Imagination der Zuschauer abgesetzt haben – wie Sedimente am Boden des Meeres. Er beginnt mit den Augen der Schauspielerin Asia Argento, die auch überall von den Plakaten blicken, und zeigt dann ihre Figur, die in ein allumfassendes Blau springt, wo ihr jene Momente begegnen, die sich in unsere Erinnerung eingebrannt haben: Marilyn Monroe und James Dean, Marlon Brando und Greta Garbo, Gene Kelly und Marcello Mastroianni, Belmondos letzte Meter in „Außer Atem” und das Ende von „Sie küssten und sie schlugen ihn” – alles in dicken Pinselstrichen übermalt und verfremdet. Diese Bilder treiben unter Wasser, wie Luftblasen, die irgendwann an die Oberfläche unserer Erinnerung steigen. Der erste Trailer seit Jahren, schreibt die Lokalpresse, der mit Beifall begrüßt werde – zu Recht.

Tatsächlich befindet man sich auf Festivals stets auf Tauchfahrt unter Wasser, und wenn man das Kino verlässt, fühlt man sich, als würde man wieder emporsteigen ans grelle Tageslicht, wo alle Träume im nu verdampfen. Da sieht man dann Tom Cruise und Nicole Kidman auf der Pressekonferenz, und nichts, aber auch gar nichts erinnert an den Zauber, den sie in Kubricks Film entfalten. Ein nettes, junges Paar, das übermüdet versucht zu erklären, was nicht zu erklären ist. Dass der Mann hinter diesem Film keineswegs ein Sonderling, sondern ein Familienmensch gewesen sei. Nett, verständnisvoll, zugewandt. So what! Und draußen kreischen die Mädchen, wenn Tom auftaucht, und wissen nicht warum.
Was heute die Stars auf dem Lido sind, waren vor hundert Jahren Gilbert und Sullivan im Londoner Musiktheater.
Unumschränkte Stars in einer Zeit, als noch keine Teenager kreischten, sondern bestenfalls die Damen der besseren Gesellschaft in Ohnmacht fielen. Der Texter Gilbert und der Komponist Sullivan beherrschten mit ihren Stücken die Bühne, und Mike Leigh hat sich in seinem neuen Film „Topsy-Turvy” daran gemacht, dem Duo ein Denkmal zu setzen. Man kann davon ausgehen, dass Mike Leigh nach den Erfolgen von „Life Is Sweet” und „Naked” sowie den fünf Oscar-Nominierungen für „Secrets and Lies” sich hier einem etwas kostspieligeren Herzensprojekt zuwenden konnte. In dem zwei Stunden vierzig Minuten langen Film wird allerdings nur ganz allmählich klar, was ihn daran interessiert haben mag. „Topsy-Turvy” ist so etwas wie „Shakespeare in Love”, aber ohne „Love”.
Nach seinen letzten drei Filmen, die alle vom Milieu am unteren Ende des Gesellschaft lebten – und davon, wie es Leigh verstand, uns für seine Leute einzunehmen –, wendet er sich diesmal steiferen Gesellschaftsschichten zu, wenngleich solchen, die für ihre Zeit als progressiv gegolten haben mögen. Der Librettist Gilbert ist steif wie ein Kaufmann, sein Komponist Sullivan hingegen gefällt sich in der Rolle des Genies. Die beiden zusammen sind vor allem von erstaunlicher Geschäftstüchtigkeit. Der ganze Musicalbetrieb funktioniert wie ein Unternehmen, das genauso gut auch ein anderes Produkt herstellen könnte. Wobei es Leigh dem Zuschauer überlässt, sich die meisten Zusammenhänge selbst zusammenzureimen.
Das ist manchmal vergnüglich, meistens interessant, aber selten spannend. Im Grunde geht es wie bei „Shakespeare in Love” darum, dass man der Kunst bei der Arbeit zusehen kann. Was dort „Romeo und Julia” war, ist hier „Mikado”, ein japanisches Singspiel, das dem Besuch einer Japanausstellung entspringt. Aber wo beim Oscarfilm große Kunst aus niedrigen Instinkten entsteht, ist es hier eher umgekehrt: Großer Ernst gebiert ein seichtes Werk. Und dennoch ist die Genauigkeit, mit der Leigh auf die Bühnenwelt um 1885 blickt, immer wieder faszinierend.

Genauigkeit im Milieu ist auch Barbara Alberts Thema in ihrem Spielfilmerstling „Nordrand”. Aber so genau, wie die Österreicherin das Leben in den Wiener Nordbezirken schildert, will man es oft gar nicht wissen. Nicht dass das soziale Elend keinen Blick wert wäre, aber die Massierung von Stumpfsinn und Verwahrlosung arbeitet ihrem Konzept von Authentizität auf Dauer eher entgegen. Ihre Geschichte von vier junge Menschen, die eigentlich keine Chance haben, sich aber doch irgendwie durchschlagen, besitzt immer wieder Momente von Wahrhaftigkeit oder gar Zärtlichkeit, doch letztlich wirken die Zusammenhänge gewollt. „Nordrand” sieht aus wie ein Film, der alle Lektionen brav gelernt hat. Dies ist der Film, den sich alle gewünscht haben, die fordern, das deutschsprachige Kino solle doch endlich von den Problemen der Gegenwart erzählen: vom Krieg in Jugoslawien, Verelendung, Abtreibung, sexuellem Missbrauch, sozialem Wohnungsbau etc..

Die Wahrheit ist, dass dies ein paar mehr Probleme sind, als einem kleinen Film gut tun. Wie ihr Film aussehen müsste, könnte man an den früheren Filmen von Mike Leigh sehen. Aber Barbara Albert ist noch nicht so weit – und Mike Leigh ist schon wieder ganz woanders. Auch im Kino gilt: Es ist immer zu früh oder zu spät.
MICHAEL ALTHEN

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


1 × 1 =