25. Februar 1997 | Süddeutsche Zeitung | Das Wispern im Berg der Dinge, Würdigungen | Kino-Dokumentationen

Wahrheit läßt sich nur noch locken

Die Dokumentaristen der neunziger Jahre brauchen vor allem eins: Zeit

Autor: Anke Sterneborg

Schon im ersten Film der Kinogeschichte fährt ein Zug über die Leinwand: Von Anfang an waren das Kino und die Reise einander innig verbunden. Je leichter und beweglicher die Kameras im Laufe der Jahre dann wurden, desto direkter und unmittelbarer konnte diese Beziehung ausgelebt werden. Das bedeutet auch, daß Bazins Begriff von der caméra stylo im Dokumentarfilm noch einmal eine ganz andere Nuance bekommt.

So nimmt Raymond Depardon statt Tagebuch und Stift nur seine Kamera mit auf die dreijährige Reise durch 15 Länder Afrikas. In seinem filmischen Reisetagebuch AFRIQUES: COMMENT CA VA AVEC LA DOULEUR? bändigt er die intime Unmittelbarkeit durch die Konzentration der Beobachtung; durch die reflektierenden Gedanken, die sie begleiten, und den fließenden Rhythmus, in dem er sie präsentiert: Am südlichsten Punkt Afrikas, am Kap der guten Hoffnung, auf der höchsten Düne, die er finden konnte, stellt er zum ersten Mal die Kamera auf und läßt sie um die eigene Achse kreisen. Immer wieder setzt dieser schweifende Blick dem erobernden Vorwärtsdrang der Reisebewegung, den Fahrten auf holprigen Straßen, eine fast meditative Ruhe entgegen.

Ohne festgelegte Route läßt Depardon sich treiben. Die Stationen seiner Reise tragen die Namen bekannter Krisengebiete: Soweto, Angola, Ruanda, Äthiopien, Somalia, Mogadischu. Immer wieder Armut und Apartheid, Krankheit und Krieg. Die Trauernden einer Beerdigung, die Opfer der Bürgerkriege, die Infizierten der Immunschwäche Aids; hungrige Kinder, die einzelne verstreute Maiskörner aus dem Sand klauben: Mühelos gelingt es Depardon, all diesen geschundenen Menschen ihre Würde zu bewahren, denn nie bedrängt er sie mit vereinnahmenden Kommentaren. Die Schönheit des Landes ist gezeichnet vom Leiden der Menschen, und wenn Depardon dann doch einmal einfach nur das Afrika zeigen kann, das er liebt, dann ist das die lange Einstellung einer menschenleeren Landschaft.

Jeder Filmemacher, der die Schönheit der Welt sucht, stößt früher oder später auf die Schmerzen der Menschen. auch Johan van der Keukens AMSTERDAM GLOBAL VILLAGE bietet nicht Harmonie, sondern nur eine disparate Zerrissenheit, in der sich der Zustand einer Welt spiegelt, die aus den Fugen geraten ist. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft bewegt sich der Regisseur durch sein Amsterdam. Hektische Schwenks und abrupte Schnitte zerreißen die Ruhe des Blicks – als ginge es darum, jede Vertrautheit zu zerstören, die ihn mit seiner Heimatstadt verbindet.

Aus den unterwegs aufgenommenen Eindrücken webt van der Keuken einen Rahmen, doch die darin eingebetteten Geschichten einzelner Bewohner drängen hinaus in die Welt. Unvermittelt folgt der Regisseur vieren von ihnen in ihre gepeinigte Heimat: einem jungen Vater in die bolivianischen Anden zu seiner armen Mutter oder einem tschetschenischen Untermehmer zu seinen Angehörigen ins zerbombte Grosny. Wie viele Regisseure dieser Forumsauswohl nimmt sich auch van der Keuken lange Zeit.

Allzu vorsichtig gehen die Dokumentaristen der neunziger Jahre mit der Wahrheit um, behandeln sie wie ein zerbrechliches Geschöpf, das sich nicht erzwingen, sondern nur locken und umschmeicheln läßt; wie ein scheues Wesen, das sich nur dann zeigt, wenn es sich unbeobachtet fühlt. Wo es jedoch Depardon und Ulrike Ottinger (SZ vom 19.2.) gelingt, die Faszination gerade durch eine gewisse Ruhe auch über lange Stunden zu halten, da wirkt van der Keukens 245 Minuten langes Städteporträt in sich zerrissen und gegen Ende sogar ausufernd beliebig.

Orte und Menschen, und wie sie sich aus der Bewegung heraus immer wieder aufs neue verbinden: In SREDA hat Victor Kossakowski alle Menschen gesucht, die wie er am 19.07.1961 in Leningrad geboren wurden und noch im heutigen Petersburg leben: Was sie verbindet, ist weniger das Zufallsdatum als die Stadt und die Zeit, in der sie leben; ihre Existenznöte, die im Kontrast zu den mondänen Boulevards stehen, und die Unsicherheiten eines Landes im Umbruch.

Auch Barbara und Winfried Junges CHRONIK DER KINDER VON GOLZOW, die sie seit 36 Jahre filmisch begleiten, verbindet Ort und Zeit: Während sie in Da habt Ihr mein Leben, Marie-Luise – Kind von Golzow vordergründig einer Biographie folgen, erzählen sie doch vor allem vom Leben in der DDR – was erst wirklich faszinierend ist, seit der Fall der Mauer einen Riß durch die Geschichte verursacht hat.

In DAS WISPERN IM BERG DER DINGE macht sich Dominik Graf (zusammen mit Michael Althen) auf die Suche nach seinem Vater Robert Graf. Hinter dem öffentlichen Gesicht des Schauspielers wird das private des Vaters gesucht, und dabei erfährt man vor allem etwas über den Zustand des Nachkriegslandes, in dem er lebte und arbeitete .

Schließlich spiegelt Andrew Kötting in Gallivant, auf einer Reise entlang der englischen Küste, das Öffentliche im Privaten; er blendet Reisebeschreibung und Homemovie ineinander. Mit dem Blick auf seine 85jährige Mutter und seine siebenjährige, behinderte Tochter, mit einer hemmungslos privaten Perspektive und seinem Sinn für geradezu ekstatische Anarchie kitzelt er auch aus den Inselbewohnern die exzentrischsten Seiten heraus.

Zuletzt nimmt auch Hervé le Roux in Reprise Ort und Zeit zum Ausgangspunkt seiner Recherche: Im Zentrum seines Films steht ein berühmt gewordener, zehnminütiger Dokumentarfilm vom Mai 68 über den Arbeitskampf um eine Batteriefabrik in der französischen Provinz. Alles beginnt mit einer ganz französischen Liebesgeschichte, mit der Faszination des Regisseurs für eine Frau inmitten der Menschenmenge vor den Fabriktoren, für ihre Schönheit, aber auch für die leidenschaftliche Heftigkeit, in der sie sich über die Arbeitsbedingungen in ihrer Firma ereifert. Le Roux macht sich auf die Suche nach dieser Frau, führt Filmemachern, ehemaligen Firmenangehörigen und Gewerkschaftlern den Film vor, befragt sie zu den Personen und den Ereignissen: eine Reprise im doppelten Sinn.
Der Film beginnt als ebenso detektivische wie romantische Suche nach einer Frau. In dem Maße aber, indem es le Roux gelingt, immer mehr Menschen auf dem Platz zu identifizieren, verliert sich seine Liebe an ein wachsendes Interesse am Streik. Immer mehr erfährt er über die Arbeitsbedingungen in der Firma, über deren Geschichte, deren Angestellte, aber auch darüber, wie die 68er selber heute auf ihre Vergangenheit blicken. Ganz beiläufig verwandelt sich die verlorene Liebesgeschichte hier in eine Stück Zeitgeschichte.

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