06. Oktober 1995 | Süddeutsche Zeitung | Würdigungen | Althen als jetzt-Autor

Jung, penibel, unberechenbar: "jetzt" eben

Zunächst mit Argwohn betrachtet, hat sich das Jugendmagazin der SZ behauptet und bietet nun Gesprächsstoffauf Schulhöfen, in der U-Bahn, auf Raves - produziert von jungen Leuten, die mit wachen Augen durchs Leben gehen

Autor: Yvonne Belohlavek, Rebecca Casati, Sabine Magerl, Jörn Möller, Ute Noll, Philip Reichardt, Christian Seidl, Rudolf Spindler

Montage beginnen für viele SZ- Leser mit der Lektüre des Sportteils. Seit knapp zweieinhalb Jahren gibt es dazu eine Alternative: jetzt, das Jugendmagazin der Süddeutschen. Anfangs erging es dem Heft wie vielem, das neu und ohne Vorbild ist – es wurde mit Argwohn betrachtet. Das ist lange her, das Jugendmagazin wird heute allseits geschätzt. Kollegen nutzen es als ergiebige Fundgrube für Themen, andere Verlage als Vorlage für vergleichbare Projekte.

Und das Wichtigste: jetzt wird gelesen und ist Gesprächsstoff. Auf Schulhöfen, in der U-Bahn, auf Raves. So ist es auch kein Wunder, daß die Verbindung zu den Lesern enger ist als üblich und aus mancher Zuschrift eine Geschichte, aus manchem Leser ein Autor wurde. Redigiert wird jetzt von einem kleinen Team von Redakteuren und Graphikern. Aber auch viele andere tragen dazu bei, daß jetzt jeden Montag erscheint; in einer Wochenshow, der Rubrik, mit der das Heft beginnt, erzählen sie über jetzt.

Wenn unser Videokritiker Michael Althen seine Beobachtungen jeden Montag in jetzt kundtut, sind wir der Hoffnung, daß der Leser ein bißchen was über die Welt lernt – und vielleicht auch über Michael Althen. Ob er anhand von Blur über die Entwicklung des gemischten Turnunterrichts sinniert, oder anhand von Marusha über das Wesen des deutschen Pauschaltourismus – immer geht es ihm um die gesellschaftliche Relevanz und also um den praktischen Nutzen, niemals indes um die Musik. Weil das Ganze meistens ziemlich absurd und immer ziemlich lustig gerät, wird er dafür ebenso geliebt wie gehaßt. Die wenigen Zeilen, die er regelmäßig drei Minuten vor Redaktionsschluß abgibt, ernten bergeweise Leserbriefe. Obwohl sich der Witz und die Absurdität des Videos der Woche nur daraus speisen, daß er die Bilder ernst und die Botschaften beim Wort nimmt.

So läßt sich beim Lesen seiner Kolumne nicht nur einiges über das Leben lernen, sondern auch eine ganze Menge über die ganze Doppelseite Kultur spezial, wenn nicht gar über das ganze Heft: Denn dort sitzen keine Schulmeister und keine Geschmacksrichter, keine Stilberater und schon gar keine Trendsetter, sondern ein paar junge Leute, die mit großen Augen durchs Leben gehen und sich ihren kleinen Reim darauf machen. Und die nichts unnötig komplizieren.

Wenn Michael Junkers aus München wissen will, was im neuen jetzt steht, schaltet er erst mal seinen Computer ein. Unter dem Spitznamen Mitch ist er Stammgast bei jetzt-online, der digitalen Version des Jugendmagazins. Dazu schließt er sein Modem ans Münchner Stadtnet an, schreibt elektronische Briefe, liest die täglichen jetzt-News und plaudert per Tastatur und Bildschirm mit anderen Stadtnet-Nutzern.
Montags um 19 Uhr steht ihm Jörn Möller von der Redaktion live Rede und Antwort: Was sich die Redaktionsleitung bei der Titelzeile dachte, wie die Kulturschreiber dazu kommen, plötzlich Take That zu loben oder wie das Interview mit dem in den USA zum Tode verurteilten Mumia Abu-Jamal zustande gekommen ist. ‚Ich finde es gut, mal direkt mit den Machern zu reden und hinter die Kulissen von jetzt zu blicken‘, sagt Mitch. Wie viele der rund 5000 Münchner ist er schon regelrecht onlinesüchtig.

Im Bildarchiv kramen

‚Wenn Redaktionsassistentin Ute Noll dienstags zu uns ins Bildarchiv kommt, wissen wir: Die jetzt-Redaktionskonferenz ist zu Ende, und es muß mal wieder gekramt werden‘, sagt Helmut Poll. Zum Beispiel nach Fünfziger-Jahre-Photos von hübschen Mädchen in Badekleidung, von Jungen, die Selbstgespräche führen, oder von einem Mädchen auf einer Schaukel, das eine Brezen in der Hand hält. Art-Direktorin Jasmine Khezri und ihre Kollegen in der Graphik lassen die meisten Bilder von jungen Photographen produzieren, illustrieren die Beiträge in den Rubriken ‚jetzt‘ und ‚Warten auf‘ oft mit Photos aus vergangenen Zeiten und provozieren so regelmäßig Mißverständnisse im Bildarchiv. ‚Madonna, privat oder im Film?‘ hieß mal eine Rückfrage von Archiv-Chefin Gabriele Steinmayr. ‚Mit Kind!‘ ‚Mit Kind?‘ ‚Mit Jesuskind!‘

Wenn am Mittwoch bei Mona Giulini das Telephon klingelt und Bildredakteurin Bettina von Beust von einer ganz besonderen asiatischen Knoblauchzehe, einem Abhörgerät oder einer Liebesbombe erzählt, weiß die Photographin, daß es mal wieder knapp werden könnte. Denn unvorhersehbare Schwierigkeiten tauchen meist dann auf, wenn sie den ‚Gegenstand der Woche‘ photographiert. In fünf Tüten Buchstabenkeksen befindet sich kein einziges A, das sie anläßlich des Weltalphabetisierungstags der UNESCO ablichten soll, die reine Kernseife hat einen Kratzer.

Und von der umweltfreundlichen Wunderkerze schickt der Hersteller nur ein Exemplar; so muß Mona Giulini auf eine Aufnahme vertrauen – sonst macht sie zwei Rollfilme voll mit verschiedenen Ansichten und Belichtungszeiten. Denn der ‚Gegenstand der Woche‘ beleuchtet die Dinge des Alltags oder löst Gegenstände aus ihrem aktuellen Kontext. Aber auch Kuriositäten finden in der Rubrik ihren Platz. Wie der Doktorkoffer für Popkonzerte, den Mona Giulini sehr schnell photographieren mußte. Der Arzt verlangte ihn umgehend zurück – ein Popstar fühlte sich nicht wohl.

In der Nacht zum Donnerstag kommt Roland Schulmeyr, 37, meist erst gegen 24 Uhr todmüde von der Arbeit nach Hause. Bis dahin hat der Hersteller der Firma ‚Compumedia‘ dafür gesorgt, daß zwischen der jetzt-Redaktion und der Druckerei alles reibungslos läuft: Photos scannen und bearbeiten, Anzeigen richtig ins Layout einbauen und die Seiten auf Film belichten. Am Mittwochnachmittag, ehe das Heft in den Druck geht, klingelt das Schulmayr-Handy oft mehr als dreißigmal, bis Graphiker, Redakteure und Anzeigenverkäufer zufrieden sind. ‚Es kommt sogar vor, daß mich der Chef vom Dienst noch nachts um 2 Uhr aus dem Bett klingelt, weil er irgendeinen Fehler in der Blaupause, der letzten Kontrolle, gefunden hat‘, sagt Schulmeyr. ‚Jetzt ist jung, penibel und unberechenbar und vielleicht deswegen mein liebster Auftrag.‘

Seitdem es jetzt gibt, muß Franz Meidinger, Dokumentar im SZ-Textarchiv, manchmal ungewöhnliche Recherchewünsche befriedigen. ‚Von den jetzt-Leuten kriegen wir sehr exotische Anfragen‘, erzählt Meidinger. ‚Meist am Freitagnachmittag, wenn ohnehin viel los ist.‘ Vor allem die Autoren der Rubrik ‚Auf einen Blick‘, der Doppelseite in der Heftmitte, auf der Themen komprimiert und übersichtlich dargestellt werden, beginnen ihre Recherchen meist bei Meidinger und seinen Kollegen. Obwohl die Texte kurz und knapp gehalten sind, Themen wie ‚Deutsche Waffenexporte‘, ‚Geheimbünde‘, oder ‚Ein Tag im All‘ verlangen intensive, manchmal tagelange Recherche. ‚Das Aufwendigste, an das ich mich erinnern kann, ist schon zwei Jahre her: Eine Autorin wollte alles über Monarchen wissen – vom Sultan Kabus bin Said bis hin zu Maharajadhiraja Birendra Bir Bikram Shah Dev.‘

Arbeit nach Mitternacht

Von Montag bis Freitag achtet Werner Hüttenrauch zwischen 6 und 18 Uhr darauf, daß keine ungebetenen Gäste auf das Verlagsgelände kommen. Der 33jährige Sicherheitsbeamte und seine Kollegen fragen jeden ohne grüne SV-Karte nach Namen und Ziel, halten telephonisch Rücksprache und stellen dann erst einen Passierschein aus. Sie haben nicht nur ein Auge auf das rege Kommen und Gehen, auf ihren nächtlichen Kontrollgängen entgeht ihnen auch nicht, wenn jetzt- Redakteure noch nach Mitternacht an ihren Texten feilen. So wissen die Frauen und Männer der Hofstatt oft auch als erste, an welchen Geschichten gerade gearbeitet wird. Mit den Besuchern, die in den ersten Stock des ‚Schwarzen Hauses‘ wollen, gibt es so gut wie nie Probleme. ‚Ich erkenne sie schon auf den ersten Blick. Nicht nur, weil sie jung sind: Sie sind freundlich und unterhalten sich gerne mit uns Sicherheitsbeamten‘, sagt Werner Hüttenrauch.

Am Samstag, nach dem Mittagessen, setzt sich Charlotte Wenzel, 14, aus München an ihren Schreibtisch, nimmt einen schwarzen Kuli und schreibt Dinge wie ‚mein Klavier namens Karl‘ oder ‚dem abgehängten Bild nachtrauern‘ auf einen Bogen Umweltpapier. ‚Das ist für mich ein wöchentliches Ritual‘, sagt Charlotte. ‚Wenn ich die Dinge, die mich besonders beschäftigt haben, auf Papier gebracht habe, geht’s mir immer viel besser.‘ Jedesmal ist sie gespannt, ob einer ihrer Begriffe auf der Lebenswert-Liste, ihrer Lieblingsrubrik auf der letzten Seite des Heftes, auftaucht. Dort stehen 25 Gründe, ‚warum es diese Woche zu leben lohnt‘. Sie werden aus Leserzuschriften zusammengestellt, nach Quantität und Qualität. Auch wenn nichts von Charlotte dabei ist, ist die Gymnasiastin nicht enttäuscht. ‚Es ist jedesmal ein großes Rätsel, was eigentlich hinter den Worten steckt. Und irgendwie findet man sich immer in der Liste wieder.‘

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