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25. November 1999 | Süddeutsche Zeitung | Familie | Klemperer – Ein Leben in Deutschland

Mehr Kitsch als in der „Löwengrube”

TV-Serie über Victor Klemperer: „Eine Art Lindenstraße” und „Eine ergreifende Geschichte” / SZ vom 18. November

An der ARD-Serie „Klemperer – Ein Leben in Deutschland” scheiden sich offenbar die kritischen Geister. Die einen halten sie für gelungen, notwendig, ja meisterlich, die anderen nennen sie misslungen, nennen sie Kitsch, gar Schund und vergleichen sie mit der „Lindenstraße”. Aber mit diesem Vergleich tut man dieser Serie fast noch zu viel der Ehre an. Denn die „Lindenstraße” will nur unterhalten, und dieses Ziel erreicht sie auch. Doch die Serie über den jüdischen Professor Victor Klemperer wollte ja doch wohl viel mehr. Sie wollte ein Licht auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte werfen. Und sie wollte wohl auch – so durfte man zumindest hoffen – jenem Mann, den ein glückliches Geschick überleben ließ, ein Denkmal setzen (auch wenn der Vorspann stets verkündete: „Frei nach Motiven der Tagebücher von Victor Klemperer”).

Indes nach der vielversprechenden ersten Folge, die durchaus noch an Werke wie „Heimat”, „Der Laden” oder auch die bayerische „Löwengrube” erinnerte, wuchs sich die Serie danach leider zu einer wahren Orgie des Kitsches und der Klischees aus. Eine solche zweifelhafte Würdigung aber hat Victor Klemperer, der sich nicht mehr wehren kann, wahrlich nicht verdient. Hier hat man mit seinem Namen und mit dem postumen Erfolg seiner Bücher Missbrauch getrieben.

Und was ist mit der Kamera-Arbeit? Nun, sie war tatsächlich ganz vorzüglich. Doch lobt man sie mit halbem Herzen. Denn die Bildkompositionen waren oft so poetisch und stimmungsvoll, dass einem etwa angesichts einer nächtens im Scheinwerferlicht verschwindenden Dampflokomotive unwillkürlich der Gedanke durch den Kopf schießen könnte: Der Transport der Juden nach Theresienstadt war aber wenigstens fotografisch sehr schön. Doch wir wissen es: Am Ende dieser malerischen Fahrt wartete auf sie der Tod.

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