20. Juni 1990 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Die Laurel & Hardy-Liebesgeschichte und andere Erzählungen

Die doppelten Böden der Phantasie

Neue Erzählungen von Ray Bradbury

RAY BRADBURY: Die Laurel & Hardy-Liebesgeschichte und andere Erzählungen. Diogenes Verlag, Zürich 1990. 346 Seiten, 34 Mark.

„Da hast du uns ja wieder eine schöne Geschichte eingebrockt“, hieß es immer in den Filmen von Laurel und Hardy. Und bei Bradbury ist das nicht anders, nur daß Stan eine Frau, Ollie ein Mann und die Geschichte eine Liebesgeschichte ist. An ihrer Vorliebe für die beiden Komiker haben sich die beiden auf einer langweiligen Cocktail-Party erkannt, und fortan nannten sie sich auch so. Und wenn sie guter Laune waren, dann wedelte er übermütig mit der Krawatte und sie kratzte sich verlegen am Kopf.

Ständig geht es in dieser Geschichte um Laurel und Hardy und doch spielen sie eigentlich keine Rolle. Aber genau das ist die Methode, mit der uns Bradbury seine Geschichten einbrockt. 23 Erzählurtgen versammelt dieser Band, und neben den Pointen zeichnet sie die Art aus, wie sie ihre scheinbaren Themen geradezu mutwillig unterwandern. So griffig, konzentriert und eindeutig manches auf den ersten Blick wirken mag, so wenig läßt es sich auf eine bestimmte Richtung festlegen. Was jedoch nicht 4 heißt, daß Bradbury sein Ziel nicht mit größter Gerissenheit verfolgte. Einen ähnlich raffinierten Konstrukteur und durchtriebenen Stilisten wie ihn gibt es nicht oft. Manchmal ist er fast zu gut. Und seine Geschichten zeugen davon, daß er das auch weiß. Mitunter fühlt man sich von seinem Selbstbewußtsein geradezu brüskiert.

Die Titelgeschichte ist einerseits eine wunderbar liebevolle Hommage an Laurel und Hardy, andererseits aber auch ein Meisterstück des berechnenden Könnens. Denn Bradbury führt das Komikerpaar auch deshalb ein, weil er weiß, daß keine noch so großen Worte eine so große Liebe so schnell so glaubwürdig erscheinen lassen wie die Einführung des Paares als Stan und Ollie. Zwei erkennen sich und trennen sich, mehr erzählt die Geschichte nicht. Aber auf nur zwölf Seiten schafft Bradbury es, aus dieser fahrlässig vertanen Chance auf ein vollkommenes Glück ein herzzerreißendes Ende zu destillieren. Auch wenn im Original eine andere Erzählung der Sammlung den Titel gab, ist dies doch von allen die schönste Geschichte. Ihr handwerkliches Raffinement ist wirklich atemberaubend.

Ray Bradbury, durch „The Illustrated Man“, „Fahrenheit 451″ und die „Mars-Chroniken“ berühmt geworden, ist einer, der mit Freuden schreibt Man merkt das diesem Band an. Die Lust am Fabulieren und Experimentieren bildet sich ungezügelt ab. Die Figuren sind enorm plastisch gezeichnet, die Handlung sorgfältig konstruiert und die Pointen listig serviert. Aber manchmal verhindert die Souveränitat einen größeren Reichtum an Rhythmen und Tonfällen. Der fortwährend bildhaft angereicherte Stil versteigt sich manchmal zur bloßen Virtuosität Zu oft wollen die Texte dann beweisen, welchen Alltäglichkeiten sich nach bildschöne Beschreibungen abgewinnen lassen. Bei den rein phantastischen Geschichten, die mit dem Schauer des Übernatürlichen arbeiten, führt das zur Überreizung. Die poetische Überhöhung nimmt den Rätseln ihre Wirkung, mehr Lakonie wäre fallweise wirkungsvoller gewesen. Aber oft genug nimmt sein Stil auch gefangen. Und unterhaltsam ist Bradbury immer.

Da strahlt und dämmert, regnet und blüht es, und die Luft dazwischen ist immer zum Greifen konkret. Und die Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind immer auf dem Sprung, sich zu materialisieren. Wobei sich Bradbury nicht damit begnügt, die Träume nur Ungeheuer gebären zu lassen. So einfach ist es nie. Dazu ist der Amerikaner zu gewitzt Denn selbst die Phantasie hat bei ihm noch einen doppelten Boden.

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