27. Juli 1994 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Der Klient

Der Millionen-Dollar-Mann

John Grisham und sein neuer Bestseller "Der Klient"

JOHN GRISHAM: Der Klient. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Christel Wiemken. Hoffmann und Campe, Hamburg 1994. 482 Seiten, 44 Mark.

Er war Anwalt und hörte eines Tages die Zeugenaussage eines zwölfjährigen Mädchens, das vergewaltigt worden war. Wenn das seine Tochter wäre, dachte er, hätte der Täter nicht mehr lange zu leben. Stattdessen schrieb er genau darüber einen Roman: Über einen Vater, der die Vergewaltiger seiner Tochter erschießt. John Grisham bekam einige Absagen, dann bot ihm jemand 15 000 Dollar, und das Buch kam mit einer Auflage von 5 000 Exemplaren auf den Markt: „A Time to Kill“.

Um das Geschäft anzukurbeln, kaufte Grisham selbst 1 000 Stück, fuhr damit in seinem Kombi übers Land und verscherbelte oder verschenkte sie an Freunde. Eine Kofferraumladung wurde naß und kam auf die Müllkippe. Heute sind diese Erstausgaben fast 4 000 Dollar wert, und die Auflage liegt allein in Amerika bei neun Millionen. Für sein nächstes Buch „The Firm“ („Die Firma“) bot Doubleday eine Million Mark, und alle anderen Verlage wissen heute, daß es ein Fehler war, nicht mitzubieten. Denn heute ist Grisham mit 39 neben Stephen King, Michael Crichton und Tom Clancy einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart, und ein Ende der Superlative ist nicht abzusehen. Für „The Pelican Brief“ („Die Akte“) brauchte er hundert Tage und kassierte zweieinhalb Millionen Dollar für die Filmrechte. „The Client“ („Der Klient“) schrieb er in sechs Monaten, und Hollywood zahlte dreidreiviertel Millionen. Der fünfte Roman „The Chamber“ ist mittlerweile auch schon fertig und wird von Ron Howard verfilmt. Nicht schlecht für jemanden, der seinen Computer aus Platzgründen einst in der Waschküche aufstellen mußte und seiner Frau versprochen hat, irgendwann würden sie sich auch mal einen Wein mit Korken statt Schraubverschluß leisten können.

„Mark“, beginnt der Roman, „war elf und hatte schon seit zwei Jahren hin und wieder geraucht.“ Als er wieder einmal heimlich im Wald raucht, überrascht er einen Selbstmörder. Er kann ihn zwar an seinem Vorhaben nicht hindern, erfährt von ihm jedoch vorher noch ein Geheimnis, das ihn das Leben kosten kann. Es geht um den Verbleib der Leiche eines US-Senators. Die Justiz ist daran interessiert, um Anklage erheben zu können, und die Mafia ist darauf aus, den Mitwisser zu beseitigen. Weil Mark um das Leben seiner Familie fürchtet, vertraut er sich nur einer Anwältin an, die einen riskanten Plan hat. Verraten darf man dabei nur, daß am Ende wie immer bei Grisham der FBI-Chef Denton Voyles wie ein großer, gütiger Vater zu den Sterblichen hinabsteigt und alles in Ordnung bringt. Je nachhaltiger im Lauf der Romane der Glaube an die Autoritäten untergraben wird, desto vorbehaltloser wird er am Ende stets bekräftigt.

Was seine Geschichten angeht, ist Grisham kein besonders guter Schachspieler, aber ein umso geschickterer Mühlespieler. Seine Zwickmühlen sind gut genug konstruiert, um die Helden immer in mehrere Konflikte gleichzeitig zu stürzen und das Gefühl der Paranoia nie abreißen zu lassen. Gut und Böse werden im Nu ununterscheidbar, und die Tatsache, daß sich diesmal alles um ein Kind dreht, läßt diese Unschärfe umso bedrohlicher erscheinen. Die Sicherheit der Helden mag gefährdet sein, ihre Gewißheiten sind es nicht. Im Ende wird die Ordnung wieder hergestellt, und wie im Schauermärchen lichtet sich der böse Spuk. Der Schlaf der Tugend gebiert bei Grisham Ungeheuer, und für die Tugendlosen hat er kein Mitleid übrig. Für einen Thriller ist das ein bißchen wenig, für Familienunterhaltung liegt er damit genau richtig.

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