20. Oktober 1986 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Wurlitzer oder die Erfindung der Gegenwart

Geschichten aus der Zeitscheide

WURLITZER ODER DIE ERFINDUNG DER GEGENWART, von Antje Starost & Hans Helmut Grotjahn

Gegen Ende des Films sehen wir ein Plakat gegen den Tonfilm, „für lebende Künstler“. Tonfilm sei Kitsch und verderbe das Gehör, heißt es da; und weiter: 100 Prozent Tonfilm = 100 Prozent Verflachung. Das wäre eine Geschichte gewesen, die der Film hätte erzählen können: von der Perfektionierung der Illusion in den Zwanzigern. Doch die Bilder aus der Geschichte sind Vergangenheit und also fordern die Filmemacher, Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn: Mut zur Gegenwart! Das heißt, die Geschichte von Johann Vogt, dem erfinderischen Bauernbub aus Wurlitz, verliert sich im Imperfekt.

Daß die Ausrichtung aufs praktische Interesse ein charakteristischer Zug bei vielen Erzählern sei, schrieb schon Walter Benjamin. Vom Aussterben der Kunst erzählt dieser Film, gegen das Schwinden dieser Fähigkeit kämpft er an – und gewinnt aus seiner Niederlage Schönheit. Gustav Vogt ist der Bruder des 1979 verstorbenen Erfinders des Lichttonfilms. Er, der jüngere, ist in Wurlitz geblieben und Dorfschmied geworden. Die Kinder des 89jährigen bewirtschaften heute den Bauernhof in Oberfranken. Das ist die eine Geschichte: von der Gegenwart und ihrem Entschwinden. Sie werden bei der Arbeit gezeigt in langen, ruhigen Einstellungen ohne Kommentar. Unsere Spannung ist die Konzentration des Zuhörers, die schwarzweißen Bilder haben die Rolle des alten Erzählers übernommen. Man sieht, wie Gänse gerupft werden, wie Hanfseile hergestellt werden, wie eine Kuh entbunden und ein Hase geschlachtet wird. Weil alles so klar und einleuchtend erscheint, wird man verführt zu glauben, die täglichen Probleme der Landarbeit seien dem praktischen Erfindungsgeist besonders zuträglich. Doch auch das ist die Illusion eines Städters, der sich um Erklärungen bemüht, weil er das Selbstverständnis verloren hat.

Wurlitz liegt im Grenzland bei Hof, in mehrerlei Hinsicht. Heimat und Fremde, Arbeit und Technik, Bleiben oder Erfinden stoßen hier aufeinander. Wir befinden uns, so stellt es der Film dar, an einer Zeitscheide, wo die Vergangenheit noch gegenwärtig ist und also auch die Zukunft. Wurlitz ist der Schnittpunkt aller erzählten Geschichten.

Johann Vogt, der Vegetarier und Sonderling vom Lande, ging in die große Stadt Berlin und erfand die Zukunft, lehrte die Bilder das Sprechen. Das Patent wollte keiner so recht haben und wurde billig verkauft. Da hat der Vogt aus Wurlitz eben andere Dinge erfunden. Besonders reich ist er dabei nicht geworden. Das ist ein Schicksal, ein anderes: Rudolf Wurlitzer, ein Mann aus dem Vogtland, emigrierte nach Amerika und verdiente mit seiner Kinoorgel Millionen. Als Vogts Patent diesen Apparat überholte, blieb davon nur noch die bekannte Wurlitzer Jukebox übrig. Aber diese success story ist eine andere Geschichte, eine history mittlerweile. Und noch einmal: die Enkelin des Bruders des Erfinders will, so sagt sie, vielleicht einmal Atomphysik studieren. Das wird hoffentlich keine Geschichte.

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