14. Juni 1985 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Memoiren einer Überlebenden

D wie Doris

David Gladwells Film MEMOIREN EINER ÜBERLEBENDEN

Man muß Filme, die auf Büchern basieren, nicht unbedingt an ihrer Vorlage messen; auch nicht, wenn es sich dabei um die Verfilmung einer Erzählung von Doris Lessing handelt. Aber es kann nützlich sein, sich anzusehen, was die Autorin zu ihrem 1974 entstandenen Buch zu sagen hat: Die „Memoiren einer Überlebenden“ seien aus der Sicht eines Historikers der Zukunft beschrieben und fielen unter die Bezeichnung Space-fiction.

Ihr Bück auf die Gegenwart nimmt den Umweg über die Zukunft, und die Reise in andere Zeitebenen findet nicht wie in der Science-fiction mittels wissenschaftlicher Hilfe statt, sondern durch räumliche Veränderung. Was in David Gladwells Film dann so aussieht, daß sich die Hauptfigur in andere Zeiten hineinträumt, indem sie durch eine Wand ihrer Wohnung, als wäre diese durchlässig, in einen scheinbar angrenzenden Raum tritt und sich dort in einer anderen Welt, einer anderen Zeit, wiederfindet. Dabei ist immer klar, daß es sich um „räumliche Fiktionen“ einer Erzählerin handelt.

Die Hauptfigur ist, so wird man im Abspann erfahren, Doris Lessings gleichnamiges Alter ego. Sie wird gespielt von der immer noch wunderschönen Julie Christie, die hier allerdings wenig Gelegenheit hat, ihr schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen. Sie hat kaum etwas zu sprechen, bewegt sich nur selten aus ihrer Wohnung heraus. Eine Beobachterin, der der Schmerz über den Verfall der Kultur, der Welt, anzusehen ist. Das ist es, was Doris Lessing mit „Historiker der Zukunft“ meint, eine Museumsbesucherin, die voller Trauer und Staunen durch eine Zeit streift, die nicht die ihre ist. Eine sehr literarische Konstruktion, mit der die Erzählfigur in den Film eingebaut ist.

MEMOIREN EINER ÜBERLEBENDEN spielt in einer Zeit, „wo alles aufgehört hat“, die aber – so zeigt es Gladwell – nicht allzuweit entfernt liegt. Es herrscht das Chaos, die Gesellschaft ist in Auflösung begriffen, die ordnenden Kräfte sind machtlos. Die Menschen gruppieren sich, ziehen ruhelos umher: Es wird zwar nicht gekämpft, doch die Ruhe wirkt geradezu unheimlich und die Orientierungslosigkeit beängstigend. Selbst wenn man D. nicht immer im Bild sehen kann, ist klar, daß der Film aus ihrer Perspektive erzählt wird, daß ihre subjektive Sicht die Erscheinungsform der Realität bestimmt. Gladwell braucht dafür keine Spezialeffekte und erzielt dadurch eine um so stärkere Wirkung.

Und für den Zeitsprung genügt ihm ein einfacher Überblendungstrick. Da findet sich D. dann wieder in einem anfangs verrotteten Raum, der sich im Verlauf des Films immer mehr anfüllt mit Prunk und Leben, bis er schließlich zum viktorianischen Stilleben gerät. Plötzlich fügen sich die Beobachtungen der Erzählerin zur Argumentation, beginnt der Film, eine Brücke zu schlagen zwischen den Fiktionen der Erzählerin und dem herrschenden Chaos. Die Plumpheit, mit der hier Zusammenhänge erstellt werden, ist allerdings verdrießlich. Das stellt sich dann so dar, daß neben den Bildern des Zerfalls solche der viktorianischen Gesellschaft stehen, die dortigen strengen Erziehungsmethoden und die Rolle der Frau verantwortlich gemacht werden für den kulturellen Niedergang.

In einer der viktorianischen Szenen nimmt die Kamera den Standpunkt des Patriarchen im Lehnstuhl ein und macht so dessen fette, unansehnliche Gattin beim Auskleiden zum Objekt des Ekels: Der Beobachter wird diffamiert. Später werden Boulevardzeitungen mit Pin-up-Photos über das Pflaster der dahinsiechenden Welt wehen. Die Frau als Objekt und der kulturelle Niedergang: So einfach ist das auch wieder nicht. Das fügt dem sonst so behutsamen, unaufdringlichen Film einen bitteren Beigeschmack hinzu.

D.`s Mitbewohnerin Emily (Leonie Mellinger) sagt einmal: Den alten Unfug wollten wir nicht; den alten Kram mit Leuten, die verantwortlich sind. Doch ihr Freund Gerald (Christopher Guard), ein Robin Hood der umherziehenden Kinderhorden, scheitert mit seinem Idealismus und seiner Barmherzigkeit. So kann der Film nur in der Hoffnung, der Utopie, der Fiktion enden: D. geht mit Emily, Gerald und dessen Schützlingen durch die Wand.

Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die deutsche Kino-Landschaft, daß eine Berlinerin, der an diesem Film lag, eigens einen Verleih gründen mußte, damit dieser von allen kommerziellen Verleihfirmen verschmähte Film in die Kinos kommen kann.

(In München im Isabella, 20.30 Uhr)

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