29. Februar 1992 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Herr der Gezeiten

Die Plexiglasmenagerie

Barbra Streisands zweiter Film HERR DER GEZEITEN

Tennessee Williams ist etwas aus der Mode gekommen, seine Stücke sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Blanche, Brick, Laura und die anderen würden heutzutage sofort professionellen Beistand suchen, in der Therapie ihre Kindheit verarbeiten und danach womöglich ihren Psychiater heiraten: Endstation Problemsucht.

HERR DER GEZEITEN ist ein ernster Film, er behandelt existenzielle Probleme. Es gibt darin übermächtige Väter und noch mächtigere Mütter und jede Menge Kinder, die unter ihnen zu leiden haben. Aber es gibt kein Problem, dem die Psychoanalyse nicht auf die Spur kommen könnte. Zum Beispiel bekennt Nick Nolte, bislang vor allem bekannt als Star zynischer Actionfilme, der gern mit dem Kopf durch die Wand geht, in diesem Film, daß er zynisch und selbstzerstörerisch ist. Und er erfährt auch, warum. Was die Besetzung angeht, ist das ein unglaublich geschickter Schachzug, der Nolte womöglich demnächst einen Oscar einbringen wird. Und daß Barbra Streisand selbst die Psychiaterin spielt, wirkt angesichts ihrer bisherigen Rollen kaum weniger passend. Sigmund Freud lebt. Und er hätte seine Freude an diesem Film.

Freuds Freuden

Tom Wingo (Nolte) kommt nach einem Selbstmordversuch seiner Schwester nach New York, um deren Psychiaterin Dr. Susan Lowenstein (Streisand) Aufschluß über ihre Patientin zu geben. Er zeigt sich jedoch weniger hilfsbereit als erwartet. Ehe also der Schwester auf der Intensivstation wirklich geholfen werden kann, muß herausgefunden werden, warum der Bruder sich so verschlossen gibt. Aber bevor es dazu kommt, stellt sich heraus, daß Dr. Lowenstein selbst genug Probleme hat. Ihr Mann (Jeroen Krabbe) ist Geigenvirtuose und führt sich auch so auf. Und ihr Sohn (Jason Gould – Streisands Sohn mit Elliot Gould) würde zum Entsetzen der Eltern lieber Football spielen als dauernd dem Ruf seines Vaters folgen zu müssen. Da trifft es sich gut, daß Tom Wingo ein arbeitsloser Football- Trainer ist. So erzählt, klingt die Geschichte wie eine Seifenoper, und es wäre auch eine, wenn der Film nicht auf einem Roman von Pat Conroy basieren und die Regisseurin ihre Figuren nicht mit großem Respekt behandeln würde. Dennoch wirkt THE PRINCE OF TIDES manchmal etwas seifig.

Zumindest in Amerika hat man die Presse gebeten, nicht zu verraten, welches schreckliche Erlebnis in der Kindheit Tom und seine Schwester aus der Bahn geworfen hat. Hämisch gesagt, beudetet das bei einem Psychodrama, daß es mit dem Drama nicht weit her sein kann, wenn es auf Überraschungen angewiesen ist. Das Problem jedoch ist, daß die Konflikte nie richtig sichtbar werden. In den Rückblenden werden sie erklärt, in der Gegenwart werden sie beredet, aber ausgelebt werden sie in dem Film nicht. Das läßt ihn über weite Strecken überspannt wirken. Barbra Streisands Glasmenagerie wirkt dadurch nie besonders zerbrechlich: Als wären ihre Figuren aus einem biegsameren Material.

Herr der Gezeiten gehört zum Genre des Oscarfilms. Manchmal witzig, oft rührend, immer schauspielerisch anspruchsvoll. Aber was in der Vorlage des Südstaaten-Schriftstellers Pat Conroy funktionieren mag, gelingt hier nicht: die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart. Stattdessen werden die Zeiten wie Ursache und Wirkung zusammengezwungen, um den Figuren eine Geschlossenheit zu verleihen, die sie im Grunde gar nicht bräuchten. Barbra Streisand kommt eben aus Brooklyn. So sieht ihr Film dann auch so aus, als wolle ein Yankee die Südstaaten therapieren. Für das schillernd Zwiespältige des Südens und seiner Menschen fehlt ihr jedoch das richtige Verständnis.

(In München im Tivoli, Gloria, Odyssee, Royal, Karlstor, Leopold, Cadillac, Rio und Cinema.)

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