28. September 1990 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Der achte Tag

DER ACHTE TAG von Reinhard Münster

Eigenleben

Vor sieben Jahren hatte Reinhard Münster mit einem kleinen Film großen Erfolg. DORADO – ONE WAY kam bei Publikum und Kritik gleichermaßen gut an. Jetzt kommt Münsters DER ACHTE TAG ins Kino – es ist erst sein zweiter Film. Daß ein Talent so lange braucht, um an einen Erfolg anknüpfen zu können, sagt alles über das deutsche Kino. Es ist so, wie es ist, weil es gar nicht anders sein kann. Was DER ACHTE TAG also neben seiner eigentlichen Story erzählt, ist die Geschichte von vertanen Chancen. Das muß man sich als Zuschauer dazudenken: All die Filme, die Münster in sieben Jahren nicht machen konnte. Die Geschichte des jüngsten deutschen Kinos besteht aus wenigen Talenten und vergeblichen Hoffnungen. Die meisten Filme existieren nur noch als Versprechen auf eine Zukunft, die sie nicht haben werden. Das ist noch trauriger, wenn man DER ACHTE TAG sieht.

Der Film spielt im Sumpf der Gentechnologie und malt eine Gegenwart aus, in der die Zukunft keine Frage der Machbarkeit mehr ist – und schon gar keine der Moral. Ein toter Wissenschaftler bringt die Journalistin Vera Pukall (Katharina Thalbach) auf die Spur eines Industrieverbrechens. Sie glaubt nicht an einen Selbstmord und beginnt gegen alle Widerstände zu recherchieren in den Grauzonen der modernen Wissenschaft, für die die Schöpfung nach sieben Tagen noch keineswegs abgeschlossen zu sein scheint. Münsters Film hat alles, was Reinhard Hauffs Simmel Verfilmung MIT DEN CLOWNS KAMEN DIE TRÄNEN abgeht: einen Sinn für Tempo, Rhythmus und den richtigen Tonfall. Die Glaubwürdigkeit der Geschichte hängt nicht an einer fadenscheinigen Konstruktion, sondern kann sich auch in ihren weniger überzeugenden Momenten auf die Stimmigkeit der Figuren verlassen. Wenn einer redet, dann sagt er nicht mehr als für die Geschichte nötig, und wenn der Film schweigt, dann weiß er auch, warum. Und Katharina Thalbach, Heinz Honig und Hans Christian Blech sind dabei in jeder Szene so präsent, daß einem schmerzlich bewußt wird, wie selten im deutschen Film Schauspieler ein Eigenleben entwikkeln, das auch jenseits von An- und Ausfällen das Gesicht eines Films prägt.

Zu seinen Vorbildern zählt Münster Regisseure wie Damiano Damiani oder Henri Verneuil. Das sind Namen, die den meisten vermeintlichen Förderern des deutschen Films vermutlich nichts oder allenfalls nur Schlechtes sagen werden: Ein europäisches Kino, das für spannende Geschichten auch Bilder jenseits des amerikanischen Erzählens findet. Münster könnte das auch, wenn man ihn nur ließe.

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