01. April 1987 | Tempo | Rezension | Women in Prison

Bad Girls - Die Zuchthaushyänen

Keifende Schlampen und schwere Brüste unter Anstaltshemden: Das heißeste Kino-Genre sind „Women In Prison“-Filme. Jetzt auf Video.

Was gibt es Schöneres, als zehn Minuten lang einer Frau auf die entblößten Brüste zu starren? Die Antwort ist simpel: zehn Frauen eine Minute lang auf die entblößten Brüste zu starren. Noch immer waren es schließlich die einfachen Rechnungen, die in diesem Gewerbe das schnelle Geld bringen. Und nur darum geht es in Frauengefängnisfilmen: Rentabilität. Es wird auch gar nicht erst versucht, ihre Absichten zu verschleiern. Die Filme legen ihre Machart ungeniert bloß, mit jedem Bild kann man direkt in ihr Getriebe schauen. Das heißt vor allem, daß sich ihre rüde Wucht unvermittelter auf den Zuschauer überträgt. Der ist dann sehr bald selbst gefangen in dem wüsten Showdown von Grausamkeit und Leidenschaften.

„Women in Prison“-Filme gehen hart zur Sache. Sie sind das schärfste aller Genres und das schmutzigste. Zimperlich darf man da nicht sein. In ihnen gibt es weder Thesen noch Argumente, die man aus dem Kino mit nach Hause nehmen könnte. Kritik am Strafvollzug steckt ohnehin in jeder Einstellung. Viel mehr zählt jedoch, daß sie bestens als Vorwand taugen, die Zustände besonders drastisch auszumalen, einen Blick ins Vorzimmer der Hölle zu werfen. So verkommen, so niederträchtig sind diese Filme, daß sie einen richtig anstecken können. Das Licht, der Schnitt, die Inszenierung, alles scheint infiziert. Die Gitterstäbe zerschneiden wie Klingen den Blick. Nicht nur den moralischen Werten und kulturellen Erkenntnissen, auch dem männlichen Selbstbewußtsein werden schwere Wunden geschlagen. Wer etwas riskiert, kann einiges erleben. Das Abenteuer fängt dort an, wo die gewohnten Vorstellungen von Kunst und Welt an ihre Grenzen stoßen und versagen.

Die ersten Frauengefängnisfilme tauchten nach dem Zweiten Weltkrieg auf: GIRLS IN CHAINS und CAGED. Im Verlauf der 60er Jahre wurden sie durch Exploitation-Filme ersetzt, die wie ihre Vorgänger vom Ausbeuten bewährter Formeln lebten, von der Wiederholung ertragreicher Genremuster. Roger Corman und seine New World Pictures spezialisierten sich darauf und fuhren gut damit: ein paar schwere Jungs und ein Haufen Miezen, ein heißer Titel und viel Blut, billig produziert und schnell verkauft – Filme nach Formel.

Im Laufe der 70er Jahre dominierten die Pornostreifen, nur die Frauengefängnisfilme blieben, was sie waren: Pure American Exploitation. Ihre Beständigkeit mag damit zu erklären sein, daß allein ihr Thema mehr Härte und mehr Spannung gewährleistete. Die Enge der Zellen verstärkt die zum Ausbruch drängenden Energien, ihre Hitze beschleunigt die chemische Reaktion. Sex und Action bilden ein explosives Gemisch.
Seit dem Aufkommen der Videokassetten erleben Frauengefängnisfilme einen neuen Boom. Jetzt kann man zur Not immer im Schnellvorlauf zum nächsten Busen spulen oder abwarten, bis es unter der Damendusche wieder zum erbitterten Duell kommt. Sie werden als Fast-Food-Filme für die schnelle Befriedigung konsumiert. Das wird ihnen zwar auch nicht gerecht, bringt aber Geld. Allein diesen Monat erscheinen drei „Women in Prison“-Filme als Videopremieren: BAD GIRLS von Tom Kincaid, PRIDEMOORE (Original: REFORM SCHOOL GIRLS) von dem alten Hasen des Genres, Tom DeSimone, und LAURA 2 – REVOLTE IM FRAUENZUCHTHAUS von Gilbert Roussel.

Die Stories variieren, die Grundelemente sind dieselben: Gefallene Engel und perverse Ärzte, harte Lippen und manchmal ein weiches Herz. Es gibt die irrtümlich eingesperrte Naive, die von einer so heißen wie verdorbenen Mieze umschlichen wird. Die Zuchthaushyänen teilen sich in zwei Gruppen, die Schlechten und die weniger Schlechten – Klasse sind sie alle. Dazu die Direktorin, ein gestrenges, perverses Weib, die aber zu Zeiten durchaus ihre Brille beiseite legen und die strenge Frisur lösen kann. Am Ende verbünden sie sich alle gegen sadistische Gefängnisdoktoren oder abartig brutale Wärterinnen. Die männlichen Aufseher, ausschließlich Vergewaltigerschweine, werden dann beim Aufstand besonders genüßlich niedergemetzelt. Wer glaubt, diesen Filmen Sexismus vorwerfen zu müssen, täuscht sich gründlich. Die Damen hinter Gittern stehen zu jeder Zeit ihren Mann. Ihre bewußte Sexualität und ihre Scharfzüngigkeit lassen eine andere als eine gleichberechtigte Beziehung zwischen den Geschlechtern kaum vorstellbar erscheinen. Was indes nichts daran ändert, daß Frauengefängnisfilme in erster Linie eine männliche Lustbarkeit sind. Nicht umsonst steht im Zentrum die unvermeidliche Duschszene, die in der Regel klarstellt, wer was von wem will. Weil das so schön ist, wird gern zwei-, dreimal oder öfter geduscht. Den Star des Films kann man dabei immer leicht erkennen, weil es sich üblicherweise um die Dame handelt, die man nur von hinten sieht. Das erhöht die Spannung. Schließlich warten Scharen von Lüstlingen nur darauf, endlich die nackten Tatsachen ausgedienter Stars zu Gesicht zu bekommen. Seit Sybil Danning, Jill St. John, Linda Blair oder Stella Stevens keine lukrativen Rollen mehr angeboten bekommen, vergnügen sie sich und uns hinter Zuchthausmauern: „I hope they’ll show some celebrity tit!“

Klatschnasse Haare, schwitzende Haut und schwere Brüste unter Anstaltshemden: Im heißesten Genre des Kinos bekommt die Gewalt durch die weiblichen Formen eine andere Gestalt. Manchmal hungert man inmitten der Brutalität nach einem anderen Glück und wird belohnt durch eine Geste, einen Blick, einen Schwenk. Einen Augenblick, ein Lidschlag lang vielleicht, gefriert in der Hitze alles zu kristallener Klarheit und schmilzt im nächsten Moment wieder dahin. Aber ganz kurz hat man dann das Kino neu erfahren.

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