28. November 1995 | Süddeutsche Zeitung | Fernsehen, Rezension | Tatort: Frau Bu lacht

Das gibt es also auch noch: Daß ein Jubiläum nicht nur vom schalen Echo einer glanzvolleren Vergangenheit lebt, sondern genau das leistet, was man sich davon erhofft: einen Anlaß zum Feiern. Der schon auf Festivals mit gewaltigen Vorschußlorbeeren ausgezeichnete Frau Bu lacht hielt in jeder Sekunde, was da versprochen worden war. Ziemlich genau 25 Jahre nach der Ausstrahlung des ersten Tatorts präsentierte sich die Reihe mal wieder ganz auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. Die Geschichte eines Mordes, dessen Spuren in ein Dickicht aus Ehevermittlung und Kindsmißbrauch führten, besaß Kinoformat, ohne die Gesetze der Serie zu mißachten. Regisseur Dominik Graf, Autor Günter Schütter und Kameramann Benedict Neuenfels führten vor, wie wichtig diese Reihe in einem Land sein könnte, in dem das Kino dem Kriminalfilm keine Heimat ist.

Das fing schon damit an, daß München hier endlich mal ein Gesicht zeigte, das mit dem gängigen Zerrbild dieser Stadt im Fernsehen kaum Ähnlichkeit hatte. Es entstand ein Gefühl für diesen Ort der bayerischen Hochebene, das nicht nur der Wirklichkeit Rechnung trug, sondern auch die Bedürfnisse des Genres berücksichtigte. Wann immer es nötig war, rückte die Kamera vom Geschehen ab und gab den Emotionen Raum, sich auszubreiten. Wenn etwa im Morgengrauen die Verhaftungswelle anrollt, fängt eine Reihe von Totalen die kühle Routine der Polizeiarbeit auf so effektive wie malerische Weise ein. Mit diesem Gespür für Schauplätze bereitete Graf sozusagen den Boden für alles weitere.

Das bewährte Duo Udo Wachtveitl und Miro Nemec präsentierte sich in noch größerer Spiellaune als sonst schon, was vor allem daran lag, daß sie in diesem Film auf Nebenfiguren trafen, die nicht nur eine dramaturgische Funktion zu erfüllen hatten, sondern ein Eigenleben führten, von dem Schauspieler sonst nur träumen können: Barbara-Magdalena Ahren als schlaflose mütterliche Freundin der Kommissare, Ulrich Noethen als aalglatter, reueloser Kinderschänder oder Maverick Quek als durchtriebener thailändischer Berater. Bei alledem galt die eiserne Regel guter Filme, daß kein Thema so ernst ist, daß nicht noch Platz für Scherze wäre. Frau Bu lacht besaß also jenen Rhythmus, bei dem einem mal zum Heulen und mal zum Lachen zumute ist und der das Vertraute mit dem Exotischen vermischt. Nach dem dramatischen Finale gab es deshalb noch einen magischen Moment, in dem die Geschichte unter unserem Himmel zur Ruhe kommt und die Gerechten endlich ihren verdienten Schlaf finden.

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