14. November 1998 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Spielfilm-Tips im Fernsehen

Harte Männer, steinerne Mienen

Spielfilmtipps im Fernsehen, November 1998

DIE FILZLAUS von Edouard Molinaro, Frankreich/Italien 1973. Es gibt Männer im Kino, denen man alles glaubt, weil sie zu falschen Tönen gar nicht in der Lage sind. Es fehlt ihnen jede Lust am Schauspiel, am bühnenhaften Auftritt, und es zeichnet das Kino aus, daß es in der Lage ist, sich mit reiner Präsenz zu begnügen. Lino Ventura – vor seiner Filmkarriere Europameister im Ringen – war so ein Mann, der nie ein Wort zuviel sprach und bei dem man davon ausgehen konnte, daß er seine Miene nie verzog, wenn es nicht einen verdammt guten Grund dafür gab. Eine ewige Strenge umgibt ihn, die paradoxerweise selbst dann noch eine Frage der Moral zu sein scheint, wenn er wie in Die Filzlaus einen eiskalten Killer spielt, den sein lebensmüder Zimmernachbar (Jacques Brel) von der Erfüllung seines Auftrags abhält. Der geniale Stoff stammt vom späteren Regisseur Francis Veber und wurde in Amerika nochmal von Billy Wilder mit Walter Matthau und Jack Lemmon verfilmt. Dieser Abend auf tm 3 ist jedoch Ventura gewidmet, der vor elf Jahren gestorben ist. (tm 3, Samstag, 20. 15 Uhr)

ADIEU, BULLE von Pierre Granier-Deferre, Frankreich 1975. Weil Gerechtigkeit für Ventura keine Frage des Gesetzes, sondern der Moral war, standen seine Figuren den Gangstern mit ihrer Ganovenehre näher als korrupten Politikern wie Victor Lanoux, den er in Adieu, Bulle mit seinem Assistenten Patrick Dewaere zur Strecke bringt. Ventura sagte zu dem Thema: „Ich habe noch nie einen Kellner im Café garçon gerufen, sondern immer Monsieur. Andererseits bin ich nicht in der Lage, zu irgendjemandem Herr Minister oder Herr Präsident zu sagen. Das ist keine Schüchternheit – das ist meine Moral, die ich mir als Junge auf der Straße zugelegt habe. ” Und das ist definitiv etwas, das man beherzigen sollte, wenn man das nächste Mal in ein französisches Café geht. (tm 3, Samstag, 21. 55 Uhr)

DIE HUNDERT TAGE VON PALERMO von Giuseppe Ferrara, Italien/Frankreich 1983. Ventura, 1919 im norditalienischen Parma geboren, ist immer wieder in sein Heimatland zurückgekehrt, um im Film allein gegen die Mafia zu kämpfen. Bei dieser Verfilmung der Ermordung des Polizeichefs von Palermo kann man erleben, daß man gewisse Filme selbst dann gerne ansieht, wenn sie außer Lino Ventura nicht viel zu bieten haben. Wie der Mann aus seiner – natürlich berechtigten – schlechten Laune eine Kunstform gemacht hat, das ist schon die Schau. (tm 3, Samstag, 23. 35 Uhr)

PAT UND MIKE von George Cukor, USA 1951. Spencer Tracy war von ähnlicher Statur wie Ventura, aber was die beiden unterscheidet, sieht man schon daran, daß der Italiener nie eine Filmpartnerin wie Katharine Hepburn fand. Dies ist einer von neun gemeinsamen Filmen des Paares Tracy-Hepburn, die nie so unklug waren, ihr gemeinsames Glück durch eine private Bindung zu gefährden. Sie spielt hier eine Sportlerin, die Profi werden will und sich deshalb mit einem Sport-Promoter einläßt, der eigentlich nur am Geld interessiert ist. In Wirklichkeit sind sie natürlich vor allem aneinander interessiert, was sie aber nicht zugeben wollen. (Arte, Sonntag, 22. 15 Uhr)

DIE LETZTEN BEIßEN DIE HUNDE von Michael Cimino, USA 1973. Noch zwei Schauspieler, die mehr von der Präsenz leben als vom Mienenverziehen. Clint Eastwood und Jeff Bridges spielen hier THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT (Originaltitel), zwei Männer, die vom großen Coup träumen und daran scheitern. Wie immer bemüht Regisseur Cimino die gewaltige Schönheit der Landschaft, um zu erzählen, wie sie durch die Gier der Betrachter sogleich ihre Unschuld verliert. Wenn man heute diese Filme ansieht, mit denen sich das amerikanische Kino in den Siebzigern erneuerte, hat man stets den Eindruck, daß damals das Kino die Träume seiner Helden – und ihre Alpträume – ernster genommen hat als heute. (ARD, Nacht zum Sonntag, 0. 50 Uhr)

OPERATION BLUE SKY von Tony Richardson, USA 1991. Noch ein Mann, dessen granitenes Gesicht um keinen Preis Emotionen verrät und der in der Regel noch schlechterer Laune ist als Ventura. Tommy Lee Jones spielt einen Offizier, der auf eine gottverlassene Army-Base versetzt wird und mit den Krisen seiner psychisch labile Frau alle Hände voll zu tun hat. Jessica Lange bekam für diese Rolle ihren zweiten Oscar. (RTL 2, Samstag, 15. 50 Uhr)

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