19. Januar 1994 | Süddeutsche Zeitung | Fernsehen, Rezension | seaQuest DSV

20.15 RTL Unter der Oberfläche, raunt es uns entgegen, liegt die Zukunft. Dabei ist diese Serie oberflächlich betrachtet eher ein alter Hut. Denn die Geschichte vom ultramodernen Gerät, das im Auftrag der Konföderation gegen Feinde von innen und außen kämpft, kommt im Kielwasser von Raumschiff Enterprise daher. Und die Kommandobrücke mit aufrechtem Captain, gewissenhaftem Ersten Offizier und der richtigen Mischung aus Freaks und Frauen verwässert vollends das Konzept von STAR TREK.

Erfolg läßt sich nicht kaufen: SEAQUEST DSV soll mit zwei Millionen Dollar für jede der 22 Episoden die teuerste Fernsehserie aller Zeiten sein. Da soviel Geld auf dem Spiel stand, ist es kein Wunder, daß es nach einer desaströsen Pressevorführung im Sommer in Amerika zu kleineren Kurskorrekturen kam und manche Szenen neu gedreht werden mußten. Aber nachdem der Pilotfilm im Oktober in Amerika auf NBC sonntags um 20 Uhr Premiere hatte, ging die Serie trotzdem schnell unter. Jetzt versucht RTL sein Glück und zeigt den 90minütigen Pilotfilm um 20.15 Uhr.

Pädagogisch, ökologisch

Der Zusatz DSV führt in Deutschland leicht in die Irre. Die submarine Serie wird etwa nicht vom Deutschen Schwimm-Verband präsentiert, sondern bezeichnet mit DSV das Deep Submergence Vehicle, jenes Tieftauchgefährt mit dem schönen Namen SEAQUEST. Das klingt nach Jules Verne, Piraterie und Kampfschwimmern. ‚Eigentlich ist SEAQUEST DSV in meiner Kindheit entstanden, 20 000 Meilen unter dem Meer‘, sagt der ausführende Produzent Spielberg. ‚Ich träumte, der berühmte Kapitän Nemo zu sein und erlebte an Bord der Nautilus die spannendsten Abenteuer. Und seit dieser Zeit war ich auch von dem Wunsch beseelt, einmal die Tiefen der Weltmeere als Schauplatz für einen eigenen Spielfilm zu verwenden.‘

Nemo und Nautilus, das wäre es gewesen. Versunkene Städte, verlorene Schätze, verrückte Kreaturen. Statt dessen bemüht sich die Serie um Tiefgang. Wie schon sein Kollege George Lucas in YOUNG INDIANA JONES hat auch Spielberg in SEAQUEST das Pathos der Helden mit dem Ethos des Lehrfilms vermischt. Seine Serie ist pädagogisch, ökologisch und politisch korrekt. Wo ‚Raumschiff Enterprise‘ zwischen Science und Fiction auf letzteres gesetzt haben, da bemüht er sich um ersteres.

Die Serie soll im Jahr 2018 spielen und doch jederzeit realistisch wirken. Dafür war der Meeresgeologe Dr. Robert Ballard zuständig, der die Glaubwürdigkeit der Serie garantieren sollte, ‚denn sie stellt hohe Ansprüche an die Wirklichkeit: Die Sorgfalt, mit der auf jedes Detail geachtet wurde, ist beeindruckend. Wie dehnt sich eine Luftblase aus, wenn sie nach oben steigt? Was hat es mit Biolumineszenz auf sich? Wie wirken sich Strömungen aus, und wie verhält sich submariner Schnee, wenn ihn ein U-Boot mit seinen Antriebsschrauben durchquert? Wenn Sie das in bewegten Bildern dargestellt sehen, werden sie schwören, das sei Wirklichkeit.‘

Wenn man Roy Scheider sieht, schwört man ohnehin auf die Wirklichkeit. In DER WEIßE HAI ist Scheider groß herausgekommen; zehn Jahre lang war er einer der besten; jetzt spielt er den Captain Nathan Bridger, der Sachen sagen darf wie ‚Auf dem Meeresboden gibt es mehr Geschichte als in allen Museen der Welt zusammen‘. Scheider selbst sieht seine Rolle als Mischung aus Jacques Cousteau und Popeye. Vom einen hat er die Nase, vom anderen den Humor. Was die romantischen Verwicklungen etwas erschwert, ist die Tatsache, daß er mit Darwin zusammenlebt, einem Delphin, der mittels eines Sprachcomputers sprechen kann: ‚Bridger ist Familie. Darwin mag Bridger.‘ Das ist die Wirklichkeit, wie sie leibt und lebt.

Spielberg hat nun alle Dimensionen mit seinen Phantasien kolonialisiert: Wasser, Land und Luft; Urzeit und Zukunft; das Dritte Reich und die Dritte Art. Mit SEAQUEST DSV ist er baden gegangen.

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