02. April 1994 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 02.04.1994

Artisten und Autisten

DER MESSIAS (Sonntag 23.45 Uhr, Kabelkanal), 1975, von Roberto Rossellini. Die Geschichte eines Mythos, in aller Einfachheit erzählt, der Regisseur glaubt eben ans Kino. Historische Distanzierung ist kein Problem für Rossellini, sein Neorealismus hatte immer einen Zug ins Ab- und Jenseitige. Was mit seinem Bilderverständnis zusammenhängt. Als der Mensch auf die Welt kam, sagt er, hatte er keine Sprache. Aber er konnte sehen. Diese Naivität will er in seinen späten historischen Filmen zurückgewinnen: zeigen, nicht erklären. Seinen Messias sieht er als eine Fibel, ein Abc-Buch: eine simple Geschichte, die sich abgespielt hat an einem staubigen Ort der Welt.

ZARDOZ (Samstag 23.20 Uhr, ZDF), 1973, von John Boorman. Mit diesem Film kehrt Boorman in die Heimat zurück, ins Land der Eltern und ihres Mythos, nach Jahren in der Fremde, im amerikanischen Kino und seinen Genres. England präsentiert sich dem Heimkehrer als Zauberreich der Zeichen, eine Landschaft, in der Handlungen nicht mehr von Bedeutung scheinen. Eine archaische Gesellschaft zwischen Gestern und Morgen. Als der Film in den Siebzigern ins Kino kam, wirkte er überdreht, heute sieht sein Hauruck-Verfahren naiv und natürlich aus. Was auch mit dem Helden Sean Connery zusammenhängt, der nach dem gepflegten Sado-Touch seiner Bondfilme hier kräftig zulangt, mit Bart und Bauch und ohne Toupet.

DAS GEHEIMNIS DES VERBORGENEN TEMPELS/YOUNG SHERLOCK HOLMES (Sonntag 15 Uhr, Sat 1), 1985, von Barry Levinson. Der Regisseur, das hat sich von Film zu Film immer deutlicher gezeigt, macht am liebsten Kinderfilme für die Großen. Seine Helden sind also alle auf ihre Weise ‚verhaltensgestört‘: weil sie sich nicht zurechtfinden mit den Regeln, nach denen in der Gesellschaft verkehrt wird. Der junge Sherlock Holmes ist ein Prototyp dafür, der Film ein Porträt des Künstlers als eines scharfsinnigen Autisten, der zur lebenslangen Einsamkeit verurteilt wird.

VIER FEDERN/FOUR FEATHERS (Samstag 12.45 Uhr, Kabelkanal), 1939, von Zoltan Korda. Ein königlicher Abenteuerklassiker, Leben als Bewährungsprobe. Weil er nicht in den Militärdienst will, wird ein junger Edelmann der Feigheit geziehen, durch die vier Federn bringen Freunde und Geliebte dieses Verdikt zum Ausdruck. Um das Gegenteil zu beweisen, muß der Junge sich zum Außenseiter machen, zum Fremden, Stummen, Deklassierten: Als Paria geht er ins von Aufruhr erschütterte koloniale Indien, dessen aggressive Grausamkeit befreiend wirkt gegen die fanatische Unerbittlichkeit des britischen Kastensystems. Zum Vergleich indisch-britischer Kinoimperialismus aus Hollywood: Ava Gardner und Stewart Granger in Knotenpunkt BHOWANI/BHOWANI JUNCTION (Montag 16.05 Uhr, Kabelkanal), 1955, von George Cukor.

STURM ÜBER PERSIEN/OMAR KHAYYAM (Montag 11.20 Uhr, Pro 7), 1957, von William Dieterle. Ein Film mit einer bizarren Botschaft: Kampf als Variante der Poesie, die Dichter sind beim Fechten so gut wie mit der Feder. Cornel Wilde spielt den persischen Poeten, der Regisseur Dieterle freilich ist mehr von der filmischen Biographie inspiriert als vom klassischen Mantel-und-Degen-Kino. Das gibt es dafür in DIE FALSCHE SKLAVIN/SLAVE GIRL (Samstag 13.20 Uhr und Sonntag 7.15 Uhr, RTL 2), 1947, von Charles Lamont, mit Yvonne de Carlo, oder in DIE GELIEBTE DES KOSAREN/CARRIBEAN GOLD (Montag 7.40 Uhr, Pro 7), 1952, mit John Payne und Arlene Dahl. Dazu KAMPF UM DEN PIRATENSCHATZ/BLACKBEARD THE PIRATE (Sonntag 11.25 Uhr, Pro 7), 1952, von Raoul Walsh. Hier ist freilich Vorsicht angebracht: Auch Blackbeard kommt in diesem Film eher als ein Poet der Grausamkeit heraus denn als derber Korsar.

WO IST DAS HAUS MEINES FREUNDES? (Montag 16.45 Uhr, 3sat9), 1988, von Abbas Kiarostami. Filmpoesie aus dem Iran, ganz konkret. Ein Junge erforscht die große Welt, die gleich im Nachbardorf anfängt. Das wird hier, schrieb Michael Althen, zur Laterna Magica: ‚Der einzige Film, in dem ich eine ähnliche topographische Genauigkeit erlebt habe, ist Melvilles SAMOURAI.‘ Dieser Pariser film noir mit Alain Delon läuft am Samstag: DER EISKALTE ENGEL/LE SAMOURAI (Samstag 0.35 Uhr, ARD).

MY FAIR LADY (Montag 18.05 Uhr, Kabelkanal), 1964. Zum Vergleich mit der Theaterfassung zur Zeit in München: die Hollywoodversion, ein London à la George Cukor, mit Rex Harrison und Audrey Hepburn. Dazu VICTOR/VICTORIA(Sonntag 22.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen), 1982: Blake Edwards in Paris, es geht ums Image, wie bei My Fair Lady. Was eine Dame ausmacht, den ein Mann spielt, den eine Dame spielt. Victoria ist Julie Andrews, sie feierte ihren ersten Triumph am Broadway als Eliza.

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