24. Dezember 1996 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 24.12.1996

Wem das Glöcklein schlägt

Wenn Filme gut sind, dann lassen sie uns vergessen, wo wir sind. Wenn sie sehr gut sind, dann lassen sie uns vergessen, wer wir sind. Dann finden sie Momente, die sich stärker ins Gedächtnis einbrennen als manches selbst Gelebte. Dann hinterlassen sie Wunden im Herz, die brennen wie selbst Gefühltes. Vielleicht glaubt man in diesen Momenten auch einfach nur, man könne fliegen. Wenn man so will, dann sind solche Augenblicke wie Geschenke des Kinos an uns, ein paar Sekunden unseres Lebens, die vom Kino mit einer Schleife versehen werden.

Weihnachten wäre nicht weihnachtlich, wenn nicht entweder Die größte Liebe meines Lebens oder, besser noch, IST DAS LEBEN NICHT SCHÖN? (ZDF, Nacht zum 1. Weihnachtstag, 0.45 Uhr) liefe. Frank Capra erzählt da in seinem schönsten – und zur Entstehungszeit 1946 völlig verkannten – Film, wie ein völlig verzweifelter James Stewart im Moment seines Selbstmordes von seinem Engel vorgeführt bekommt, wie die Welt und vor allem das Örtchen Bedford Falls aussehen würde, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Und wie das in Hollywood so üblich war, kommt der große Moment zu guter letzt, wenn die Familie unter dem Christbaum steht, Freunde und Fremde ihre Liebe zeigen und ein klitzekleines Glöckchen anzeigt, daß Stewarts Engel seine Flügel bekommen hat. Nur Stewart und die Zuschauer wissen, was es mit dem Klingelingeling auf sich hat. Und wenn es auf der filmischen Landkarte unserer Gefühle so etwas wie eine Hauptstadt gibt, dann wäre das Bedford Falls.

Natürlich ist das Fernsehen über Weihnachten in einem wahren Schenkrausch, und wahrscheinlich könnte man einen Fahrplan entwerfen, in dem man von allen Filmen nur die besten Momente mitkriegt. Man würde sich fühlen wie ein Kind in einer Konditorei – lauter Tortenstücke, Sahnehäubchen – und danach ist einem schlecht vor lauter Hochgefühl und Tränenfluß. Ein gutes Rezept gegen jede Art von Sentimentalität sind die Marx Brothers, von denen der WDR sechs Filme zeigt, mit denen man spielend über die Feiertage kommt: (WDR, Nacht zum 2. Weihnachtstag, SKANDAL IN DER OPER, 1.15 Uhr; EIN TAG BEIM RENNEN, 2.45 Uhr; IM ZIRKUS, 4.30 Uhr; Nacht zum Freitag, GO WEST, 1.20 Uhr; IM KAUFHAUS, 2.40 Uhr; IM THEATER, 4.00 Uhr). Die Jungs trampeln auf allem herum, was unseren Gefühlen heilig ist, und besonders haben sie es dabei auf ältere Damen abgesehen, denen man an Weihnachten doch eigentlich über die Straße helfen sollte. Der beste Moment von SKANDAL IN DER OPER spielt eigenartigerweise auf einem Schiff, wo so viele Leute in eine Kabine gepfercht werden, bis der Bildschirm aus allen Nähten zu platzen droht.

Manchmal sind die Momente nicht mehr als ein Blick, ein Lächeln oder ein Senken des Kopfes. Wie Richard Gere, der am Ende von EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN (Sat 1, 1. Weihnachtstag, 22.40 Uhr) in einem Moment der Gnade sein Haupt gegen die Glasscheibe sinken läßt, die ihn von Lauren Hutton trennt, und flüstert: ‚Oh Michelle, it took me so long to come to you.‘ Oder Tom Cruise, der mit einer ähnlichen tänzerischen Präsenz und körperlichen Arroganz wie Gere begnadet ist und in DIE FARBE DES GELDES (ARD, Nacht zum Freitag, 0.05 Uhr) im Überschwang des eigenen Talents mit seinem Billard-Queue einen Tanz um den Tisch aufführt, der halb Kampfes-, halb Beschwörungsritual ist.

Weitere Momente zum Verschenken: Wenn Chaplin sein Brötchen-Ballett in GOLDRAUSCH (Vox, Heiligabend, 14.35 Uhr) aufführt; wenn Jane Fonda in MORGEN IST EIN NEUER TAG (Vox, Heiligabend, 19.30 Uhr) in eindeutig sexueller Absicht vor Michael Caines Saxophon in die Knie geht; wenn Cary Grant in VERDACHT (ZDF, Nacht zum 2. Weihnachtstag, 0.35 Uhr) ein vor Gift leuchtendes Glas Milch die Treppe zu seiner Angetrauten hochträgt; wenn Rock Hudson in EIN GOLDFISCH AN DER LEINE (Bayerisches Fernsehen, 1. Weihnachtstag, 13.35 Uhr) mit einem toten Fisch in der Hand zwischen zwei bildschönen Frauen sitzt, die sich über ihn lustig machen; oder Simone Signorets dankbarer Blick, wenn sie in ARMEE IM SCHATTEN (Kabel 1, Nacht zum Freitag, 1.45 Uhr) von ihren Résistance-Freunden auf offener Straße erschossen wird, weil sie ihren unabsichtlichen Verrat nicht selbst sühnen kann.

Oder Faye Dunaways eiskaltes Lächeln als Lady de Winter in DIE DREIMUSKELTIERE (Pro Sieben, Heiligabend, 20.15 Uhr) und DIE VIER HALUNKEN DER KÖNIGIN (Pro Sieben, 1. Weihnachtstag, 16 Uhr), dem größten Spaß, der jenseits von Hollywoods großer Zeit der Abenteuer entstanden ist. Den besten Moment aus SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (Pro Sieben, 2. Weihnachtstag, 20.15 Uhr) werden wir aus gegebenem Anlaß jedenfalls nicht erwähnen – er macht schließlich den Reiz des Films aus. Außerdem ist Weihnachten.

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