23. August 1996 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 23.08.1996

Ein Paradox kündigt sich an: das, was das neue Kino auszulöschen droht, nämlich die Sprache, kehrt zurück als Zeichen auf dem Computer-Bildschirm. Natürlich tut sich Arnold Schwarzenegger in ERASER (gerade in sechs Kino angelaufen) mit dem Notebook schwerer als mit dem neuesten Waffenarsenal, aber er deutet damit doch eine überraschende Parallele zum frühen Maschinenkino des Fritz Lang an. Der hat bereits in der FRAU IM MOND Zeitungsauschnitte und Inflationsgeld als Tapete an die Wände der Gelehrtenstube kleben lassen: Zeichen dafür, daß sich die gescheiterte oder ausgelöschte Vergangenheit als die wahre Zukunftsperspektive erweist. Hier geht’s, wie der Titel sagt, um die Fahrt zum Mond, wo man aber, wie auf der Erde, auch nur Gold findet. (Sonntag um 21 Uhr im Filmmuseum).

Fritz Langs Flaschenpost

Vorher, um 17.30 Uhr, zeigt das Filmmuseum den zweiteiligen Lang-Film DIE SPINNEN, und auch da wird deutlich, was das neueste Unterhaltungskino vom alten gelernt hat: Die beste Antriebskraft der Kinomaschine ist immer noch eine Geheimorganisation, deren seltsame und zerstörerischen Gebräuche die Handlung am Laufen halten. Wie sich eine Geschichte selbständig macht und doch vom Kino zusammengehalten wird: Bei Lang ist es 1919 ein verzweigtes, geheimnisvolles Höhlensystem, wo Wasser und Feuer so spektakulär aufeinander treffen wie im neuesten The Rock (in acht Kinos). Auch die Geheimorganisation als Staat im Staate ist bei Fritz Lang schon längst vorgebildet. Ihretwegen wird die Schrift zur Flaschenpost.

Mizoguchis Zauberreich

Was im Westen die Unterwelt, das ist im Fernen Osten das Zauberreich. Und der größte Erzähler der jenseitigen Trugwelt, die am Ende allemal eine Projektion unseres vulgären Diesseits sein wird, ist der Japaner Kenji Mizoguchi, den man hierzulande praktisch nur durch jene fünf Filme kennt, die ab und zu im Fernsehen gezeigt werden. UGETSU MONOGATARI – ERZÄHLUNGEN UNTER DEM REGENMOND (am Mittwoch 18 und 20.15 Uhr in der Lupe 2) ist vielleicht sein schönster Film überhaupt, gewiß aber eine Bilanz seines Schaffens. Er erzählt die alte Geschichte von der ewigen Jagd nach dem Glück, bei der die Frauen gleichermaßen die Verlockung und das Opfer der Männer sind. Trotz aller Bedrohung des Menschlichen gelang Mizoguchi hier ein Werk atemberaubender Harmonie.

Rivettes Unterwanderung

Obwohl ganz neu, dürfte der neue Film von Jacques Rivette HAUT BAS FRAGILE – VORSICHT ZERBRECHLICH! eine ähnliche Rarität für uns sein wie der Film von Mizoguchi: Er wandert mit nur einer einzigen Kopie durch die Republik. Michael Althen hat ihn in der SZ den schönsten Film des Jahres genannt. Wenn ihm die Kinogänger in diesem Urteil folgen, können sie durch ihren Besuch dafür sorgen, daß in Zukunft bei ähnlich kommerziell riskanten Filmen vielleicht zwei Kopien gezogen werden. (Im Theatiner täglich 20; freitags, samstags und sonntags auch 14.45 Uhr.)

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