22. April 1994 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 22.04.1994

Weil die Verleihrechte für Deutschland auslaufen, hat man an diesem Wochenende noch zweimal die Gelegenheit, sich Marcel Ophüls‘ Film HOTEL TERMINUS – LEBEN UND ZEIT DES KLAUS BARBIE anzusehen. Der Titel meint das Hotel in Lyon, in dem die Gestapo während der deutschen Besatzung Frankreichs 20 Räume für Vernehmungen okkupiert hatte. Von hier aus errichtete Klaus Barbie, der Henker von Lyon, seine Schreckensherrschaft.

Ophüls führte 82 Interviews und schnitt dann aus 120 Stunden Material einen Film von vier Stunden 27 Minuten Länge. Der Film ist Madame Bontout gewidmet, einer ‚guten Nachbarin‘, die ein jüdisches Mädchen zu retten versuchte, als Barbie die Familie verhaften ließ. Frédéric Strauss schrieb dazu in den Cahiers du cinéma: ‚Die ,schlechten Nachbarn‘ sind nicht hilfreich, wenn es darum geht, die Entwicklung eines Bildes zu rekonstruieren, während die ,guten Nachbarn‘ Verbindungen herzustellen helfen und den Blick auf die Geschichte des Bildes freigeben. Das ist es, was Ophüls mit seiner Widmung herausstreicht. HOTEL TERMINUS ist ein großer Film über die Verkettung von Bildern, über Bindeglieder, die in der Lage sind, einem Bild die Wahrheit wieder einzugeben, die sich zu verwischen drohte.‘ (Samstag und Sonntag 18 Uhr im Werkstattkino.)

Schwellenangst der Moderne

Vier Filme sind noch zu sehen in der Retrospektive des taiwanesischen Kinos im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig. Zwischen Land und Stadt, Geschichte und Gegenwart pendeln die Filme und beschreiben die Schwellenangst der Moderne. Am Samstag um 20 Uhr läuft STAUB IM WIND (1986) von Hou Hsia-hsien, in dem ein Junge und ein Mädchen vom Land in die Stadt Taipeh kommen. Am Sonntag wird um dieselbe Zeit ROTER STAUB (1990) von Yim Ho gezeigt, in dem es um eine Schriftstellerin im China der vierziger Jahre geht. Am Montag ist dann um 23 Uhr im Eldorado als Benefizveranstaltung zugunsten der Unesco DER MANN AUS DEM WESTEN (1989) von Huang Ming-chuan zu sehen, der das Schicksal der Ureinwohner Taiwans schildert. Und am Dienstag läuft wieder um 20 Uhr DER TAG AM STRAND (1983) von Edward Yang, der den Weg zweier Frauen in die Unabhängigkeit schildert.

Wenn Blicke töten

Im Theatiner wird heute und morgen in der Spätvorstellung nochmal Abel Ferraras BAD LIEUTENANT gezeigt, eine Reise in die Abgründe einer gequälten Seele, in der Harvey Keitel an die Grenzen der Selbstentblößung geht. Dazu kann man sich Robert DeNiro in Scorseses CaPE FEAR (Dienstag 21 Uhr) oder TAXI DRIVER (Donnerstag 21 Uhr) ansehen, der seinen religiösen Wahn auf der anderen Seite des Gesetzes auslebt. Beide Filme laufen in der Bernard-Herrmann-Reihe im Filmmuseum, zusammen mit zwei Hitchcocks, PSYCHO (Dienstag 18 Uhr) und MARNIE (Mittwoch 18 Uhr), und zwei De Palmas, SISTERS (Mittwoch 21 Uhr) und OBSESSION (Donnerstag 18 Uhr), in denen die Musik den sich verselbständigenden Blicken eine Stimme verleiht.

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