14. Mai 1993 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 14.05.1993

Immer? Nein, aber immer öfter…spielen Kinos die Filme im Original. Fast jeden der größeren Filme kann man irgendwo auf englisch sehen und manche von den kleineren auch, weil gar kein Geld für die Synchronisation da ist. Offenbar merken immer mehr Leute, daß ohne den Originalton eine ganze Dimension fehlt.

Was ist der Wilde Westen?

Originalfassungen laufen im Hollywood und Filmmuseum sowieso, in den Museumslichtspielen und dem Cinema meistens, im Theatiner, Arena und Broadway häufig, und im Isabella, Rottmann und Rio manchmal. Die frostige Stimme von Clint Eastwood etwa kann man täglich um 22.15 Uhr im Broadway hören: Unforgiven ist ein Western, der zeigt, wie die Legenden wurden, was sie sind: durch Zufall und Glück, durch Klatsch und Tratsch. Alle beteiligen sich an der Mythisierung des Westens, haben ihre eigenen Biographen dabei oder erfinden sich Heldentaten, nur Eastwood selbst nicht, der eher widerstrebend seiner Legende gerecht wird.

Was ist der Körper?

Das Filmmuseum zeigt ein Wochenende lang Filme zum Thema ‚Körper und Gewalt‘: Beides gehört untrennbar zusammen, weil eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Körper notwendig auch an dessen Grenzen führen muß: Belastbarkeit, Stofflichkeit, Wirklichkeit. Zwischen Identifikation und Entfremdung, Lust und Ekel, sucht die Seele einen Ort, wo sie bleiben kann: Exil und nicht Heimat.

Es gibt bis Sonntag alle Spielarten der Körperkultur zu sehen: Kannibalismus (Buttgereits NEKROMANTIK, Freitag 18 Uhr), Kastration (Throbbing Gristles AFTER CEASE TO EXIST, Freitag 18 Uhr), Mord (MacNaughtons HENRY – PORTRAIT OF A SERIAL KILLER, Samstag 18 Uhr), Tätowierung (Takabayashis IREZUMA Samstag 21 Uhr), Selbstmord (Mishimas YUKOKU, Sonntag 18 Uhr), Obduktion (Borkowskis LE POÈME, Sonntag 21 Uhr), dazu FIREWORKS (Samstag 15 Uhr) von Kenneth Anger, DeMONTAGE IX (Samstag 23 Uhr) von Romuald Karmakar und LE SANG DES BÊTES (Freitag 21 Uhr) von Georges Franju.

Was ist der Mensch?

Dazu sollte man sich vielleicht im Cinema den Diretor’s Cut von BLADE RUNNER (Samstag und Sonntag um 17.55 Uhr) ansehen, der von der trügerischen Identität von Körper und Seele handelt. Die autorisierte Fassung betont vor allem das Identifikationsproblem des Zuschauers mit dem Helden.

Im Theatiner laufen in der Spätvorstellung die beiden poetischsten Werke der letzten Jahre: Bis Sonntag LÉOLO von Jean-Claude Lauzon und ab Montag TOTO LE HÉRO von Jaco von Dormael.

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