09. April 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Jacques Rivette

Traumwandler in Las Vegas

Auf der Seite der Ausgepfiffenen: Was Jacques Rivette von seinen Zeitgenossen hält

Von all jenen Cineasten, die in Frankreich schreibenderweise zum Filmemachen gefunden haben, ist Jacques Rivette schon immer der Rätselhafteste gewesen. So labyrinthisch wie seine Filme waren auch seine Texte zum Kino, die er ab den Fünfzigern verfaßt hat. Sie waren die Schule einer Generation von Kritikern, die begriffen haben, daß man sich schreibend von einem Film entfernen muß, um ihm nahe kommen zu können.

Rivette hat selbst mal gesagt, er habe ständig das Bedürfnis, die alten Meister zu sehen – aber auch die Filme der Zeitgenossen: „Weil man selbst nur Filme macht in Bezug auf die anderen Cineasten. Man macht keine Filme im Abstrakten. Man projiziert keine innere Vision, die man im Kopf hat, man macht Filme im Bezug auf das, was bereits gemacht wurde von den großen Cineasten der Vergangenheit, und in Bezug auf jene, die unsere Zeitgenossen, unsere Nachfolger sind.”

Wenn man liest, was Rivette von seinen Kollegen hält, dann muß man sich allerdings vor Augen halten, was sein Zeitgenosse Truffaut als Motto formuliert hat: „Ich weiß, daß ich immer auf der Seite der Ausgepfiffenen gegen die Auspfeifer war und daß mein Vergnügen oft da anfing, wo das meiner Kollegen aufhörte.” In diesem Sinne muß man auch Rivettes Meinungen genießen, die er in dem französischen Kulturmagazin Les Inrockuptibles zum Besten gegeben hat.

Dass Rivette die neuen Filme von Resnais, Almodóvar, Chabrol, Wong Kar-wei, Kiarostami und selbst Wenders mag, ist noch keine große Überraschung – und auch nicht, daß er sich mit Godard einig ist, daß TITANIC nichts taugt. Es verblüfft schon eher, daß er einen Mann wie Hou Hsiao-Hsien für genauso berechnend hält wie James Cameron. Und es überrascht, daß er zwei Lieblinge der französischen Filmkritik, John Woo und Michael Haneke, richtig haßt. FACE/OFF findet er physisch abstoßend und geradezu pornographisch, und Ähnliches gelte für FUNNY GAMES. Die beiden gehören zusammen, und er wage gar nicht, sich die Kinder dieser Verbindung vorzustellen.

Diese beiden Filme seien schlimmer als UHRWERK ORANGE, den er ebenfalls aus moralischen Gründen gehaßt hat. Bei dieser Gelegenheit erinnert er sich daran, daß Jacques Demy damals so empört war, daß er vor Wut geheult habe. Aber Kubrick sei eben eine Maschine, ein Mutant, ein Marsmensch ohne jedes menschliche Gefühl. Deshalb könne er so gut Maschinen filmen wie in 2001.

Richtig erstaunlich ist, daß Rivette ausgerechnet zwei Vertretern einer neuen Filmemachergeneration etwas abgewinnen kann, die aus ihrer anti-intellektuellen Haltung keinen Hehl machen: Jean-Pierre Jeunet und Luc Besson. ALIEN RESSURECTION sei zwar durch und durch aus Plastik, würde aber sehr einfallsreich eine Situation bis ans bittere Ende durchspielen. Er sei begeistert gewesen, sagt Rivette, auch wenn er den Eindruck habe, daß das Verdienst mindestens zur Hälfte Sigourney Weaver zuzuschreiben sei.

DAS FÜNFTE ELEMENT fand er auch nicht schlecht, wenngleich er von Bessons früheren Filmen Nikita und Léon mehr gepackt worden sei. Richtig gespannt sei er jedoch auf Bessons nächsten Film über Jeanne d‘Arc, der zweifellos sehr naiv und kindlich ausfallen werde, aber jeder nach seinem Geschmack. Rivette selbst hat sich schließlich selbst auch an dem Stoff versucht, und womöglich erkennt er in den beiden Jungen tatsächlich Tugenden, die auch die Nouvelle Vague einst ausgezeichnet haben: den Bruch mit jener französischen Tradition des guten Geschmacks und die Hinwendung zu amerikanischen Vorbildern.

Richtig in die Nesseln setzt sich Rivette jedoch mit seiner Bewunderung für die beiden letzten Filme von Paul Verhoeven, die wirklich auf aller Welt Hohn und Spott geerntet haben: STARSHIP TROOPERS, den er gleich zweimal angeschaut hat, und SHOWGIRLS, den er für einen der größten amerikanischen Filme der letzten Jahre hält. Immer gehe es darum, in einer von Gemeinheiten bevölkerten Welt zu überleben. Und SHOWGIRLS sei von allen amerikanischen Filmen, die in Las Vegas spielen, der einzig wahre. Da könne man ihm, der nie einen Fuß dorthin gesetzt hat, ruhig trauen.

Verhoeven würde er genauso jederzeit verteidigen wie Altman. Oder Eastwood, dessen Filme unvergleichlich seien – selbst die mit dem Orang-Utan. Das seien Leute, die wirklich Risiken auf sich nehmen. Darum geht es natürlich auch als Kritiker: Sich an die eigene Nase fassen, wenn man wieder mal dem Sirenengesang des allgegenwärtigen guten Geschmacks erlegen ist. Einen guten Geschmack, das beweisen Rivettes erfrischende Äußerungen, kann jeder haben. Aber einen eigenen Geschmack können sich nur die wenigsten leisten.

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