30. April 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Willie Nelson

Elektrische Reiter und der gute Geist von Texas

Gerade konnte man Willie Nelson an der Seite von Robert De Niro und Dustin Hoffman in 
WAG THE DOG sehen – jetzt kommt er leibhaftig nach München ins Colosseum und zeigt, was er wirklich kann

Wie alle alten Cowboys ähnelt Willie Nelson, je älter er wird, immer mehr einem Indianer. Vielleicht liegt das einfach nur daran, daß sich Cowboys und Indianer über kurz oder lang dem Land angleichen, in dem Sonne und Wind regieren und dessen einzige Grenze der Horizont ist. Den durchdringenden Blick eines Schamanen hat Willie mittlerweile und seinen Mund umspielt jenes Lächeln, mit dem weise Männer die Welt auf Distanz halten. Passenderweise heißt seine letzte Platte „spirit”, auf der er unter seiner Bandana an die Geistererscheinungen indianischer Legenden erinnert. Eine Art guter Geist der Country-Musik ist er ohnehin längst schon.

Dabei mußte der Mann aus Abbott, Texas, lange warten, ehe ihn überhaupt jemand hören wollte. In den Sechzigern war er nach Nashville gegangen, wo damals die Country-Musik zu Hause war, und durchgefallen. So mußte er sich als Songschreiber durchschlagen, wobei er bei Patsy Cline „Crazy“ und bei Roy Orbison „Pretty Paper“ unterbrachte.

Dennoch kehrte Willie dem Nashville-Sound den Rücken und ging zurück nach Texas, wo in Austin ein paar Outlaws so eine Art Autorentheorie der Country-Musik predigten, in welcher der Künstler mehr zählte als der Produzent. 1975 entstand aus diesem Geist „Red Headed Stranger”, das erste Konzeptalbum der Country-Musik, und die Single „Blue Eyes Crying in the Rain” machte Willie zum Star. Und zwar auch jenseits der engen Grenzen der Country-Musik: „Wanted: The Outlaws” mit Waylon Jennings und Jessie Colter war der erste Millionenseller. Auftritte beim Film taten ein Übriges: Der elektrische Reiter, Thief oder Songwriter.

1985 stellte er mit Neil Young, John Cougar Mellencamp und John Conlee „Farm Aid” auf die Beine, wodurch 14 Millionen Dollar für verarmte Farmer zusammen kamen. Dabei hätte Willie das Geld selbst gut brauchen können: 1994 kam es nach 14jähriger Auseinandersetzung zu einer Einigung mit dem Finanzamt, dem er 16,7 Millionen Dollar schuldete. Erst war dabei sein Hab und Gut unter den Hammer gekommen, später machte er mit den Steuerbehörden gemeinsame Sache und brachte das Album „The IRS Tapes / Who’ll Buy My Memories” auf den Markt, mit dem er seine Schulden beglich – so kann man es auch machen. Es gibt sicher eine Menge Sänger, die besser singen, aber Willie Nelsons unverwechselbare Stimme erzählt ihre ganz eigene Geschichte von Männern, die es mit dem Leben im allgemeinen und mit den Frauen im besonderen schwer haben.

Willie Nelson, Colosseum, Mittwoch, 5. Mai, 20 Uhr, Karten: 49 00 29 28

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