25. Februar 1997 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Neues von den Poeten Chris Marker und Jean Rouch

Hinter den Masken

Manchmal ist Ignoranz kein schlechter Wegweiser. Harry Cohn zum Beispiel, Studiochef zu Columbias besseren Zeiten, soll gesagt haben: ‚Ein Dokumentarfilm ist ein Film ohne Frauen. Kommt eine Frau vor, ist es nur noch halbdokumentaisch.‘ Er mag dabei gedacht haben, daß die Anwesenheit des anderen Geschlechts umgehend die Phantasie entzündet und Geschichten in Gang bringt, die sich der dokumentierten Wirklichkeit entziehen – und vielleicht hatte Cohn ja auch recht damit. Chris Marker jedenfalls meint dazu vergnügt, in diesem Sinne sei Level 5 nur halbdokumentarisch.
Eine Frau also sitzt vor dem Computer und spricht über ihren verstorbenen Geliebten, dessen Hinterlassenschaft in einem Computerspiel über die Schlacht um Okinawa besteht, die sie zu Ende spielen soll. Aber im Unterschied zu den gängigen Spielen geht es hier nicht darum, die Geschichte neu zu beschreiben, sondern ihr bis zum bitteren Ende zu folgen. In diesem Fall geht es um den Massenselbstmord von Tausenden von Inselbewohnern, denen eingeimpft worden war, sie dürften sich als ‚überlegene Rasse‘ niemals den Amerikanern geschlagen geben. Bei ihrer Reise durch eine Art Internet stößt die Frau auf Augenzeugen der Tragödie, deren Berichte sich auf eigenartige Weise mit ihren Reflexionen über den Tod verbinden. Ein wirkungsvoller Kurzschluß: Die Identifikation des Zuschauers läuft über die ganz private Trauer der Frau zum anonymen Drama des Krieges.

Chris Marker, der von LE JOLI MAI(1962) bis SANS SOLEIL (1982) seiner Zeit schon immer einen Schritt voraus war und unlängst durch Terry Gilliams Verwandlung von La JETÉE in 12 MONKEYS unerwartet Aufmerksamkeit erfahren hat, gelingt auch in LEVEL 5 wieder ein aufregender Essay über das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit, Maske und Persönlichkeit, Emotion und Technologie – und dazu braucht er nicht mehr als einen kleinen Raum, einen Computer (Macintosh 8100) und eine Schauspielerin (Cathérine Belkhodja).

Was für afrikanische Masken gilt – daß sie Tieren zwar ähnlich sehen, aber eben nicht Tier, sondern Geheimnis sind -, gilt vielleicht auch für die Beziehung von den Filmen Markers oder Jean Rouchs zur Wirklichkeit. Bei beiden Regisseuren ist das Verhältnis von Fakten und Fiktionen nicht nur Gegenstand ihrer Reisen, sondern auch Motor der Filme. Gerade bei Rouch haben die Geschichten, die er mit seinen afrikanischen Freunden findet, gleichzeitig fiktive wie dokumentarische Qualitäten. In MOI FATIGUÉ DEBOUT, MOI COUCHÉ halten Damouré, Lam und Tallou, mit denen Rouch schon seit Jahrzehnten im Niger zusammenarbeitet, Zwiesprache mit den Geistern, die die Spielregeln des Films vorgeben.

Immer wieder legen sich die drei zum Nickerchen unter die acacia albida, die vom vielen Stehen müde gewordene Akazie, deren Stamm sich auf den Boden gesenkt hat. Dort träumen sie die Geschichten, die Rouch mit ihnen dann auch in Szene setzt: vom Wasser, das kommen wird; von den Opfern, die sie dafür bringen müssen; von den Frauen, die dazu tanzen; oder von Nilpferden.

Für Rouch ist die Ethnographie eine fröhliche Wissenschaft, die gerade im Spiel die Wirklichkeit durchdringt. Die Tatsache, daß man nie so genau unterscheiden kann, was real und was inszeniert ist, bringt die dunkel lockende Welt der afrikanische Geister und Obsessionen näher als das der distanzierte Blick des Dokumentaristen je könnte. So ist es nur konsequent, daß Rouch seine drei Freunde an den jährlichen Tantiemen für seine Filme beteiligt. Wenn der fast 80jährige dann im Delphi auf der Bühne sitzt und erzählt, wie sie sich Geschichten erzählen, um dann immer die mit dem besten Ende zu verfilmen, dann bekommt man eine Ahnung davon, wie fließend die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm werden müssen, um von solchen Welten berichten zu können.

So wird das Kino bei Rouch wie bei Marker zur Maske, die nicht die Wirklichkeit, sondern jede Menge Geheimnisse verkörpert.

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