29. Juni 1994 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Nanni Moretti

Identifikation eines Mannes

Zur Werkschau des italienischen Filmemachers

A little bit off: So nennt ihn die amerikanische Schauspielerin Jennifer Beals, der Moretti in seinem neuen Film auf einer römischen Straße begegnet. Nicht verrückt, aber versponnen. Off-center eben, abseits der Mitte also. Und wie die Amerikanerin da zwischen ihrem Mann (dem Filmemacher Alexander Rockwell) und dem Italiener Moretti steht und zu erklären versucht, was sie mit off meint, wird daraus eine typische Moretti-Szene.

Typisch Moretti, das heißt, daß sich die Sprache so lange verselbständigt, bis sie mit ihrem Sprecher und ihrem Gegenstand nichts mehr zu tun hat. Die Menschen führen ihre Worte wie Hunde an der Leine spazieren, um dann immer wieder erleben zu müssen, wie sie ihrer nicht mehr Herr werden und von ihnen herumgezerrt und -gezogen werden. Und manchmal reißen sie sich auch von der Leine los und laufen davon, bis die Menschen ihnen kaum mehr folgen können. So radikal ist der Bruch zwischen Sprechern und Sprache, daß sogar die im Italienischen sonst so innige Verbindung von Parlieren und Gestikulieren zertrennt scheint. Da sitzen dann die Freunde in Ecce Bombo im Cafe, starren vor sich hin und tauschen dabei tonlos und von langen Pausen begleitet ihre Gedanken über den weiteren Verlauf des Abends aus. Als folgten sie einem trost- und gefühllosen Ritual, das jede innere Beteiligung ausschließt. Als stünden sie neben sich – off-center.

Etwas abseits steht Nanni Moretti auch in der italienischen Filmlandschaft. Was vor allem heißt, daß er sich nie an Berlusconi verkauft hat, sondern stets darauf geachtet hat, daß er autark arbeiten konnte. Er hat sein eigenes Kino, das Nouvo Sacher in Rom, seine eigene Produktionsfirma, die Sacher-Film, und sogar seinen eigenen Filmpreis, den Sacher d’Oro, den er an junge Regisseure vergibt. IO SONO UN AUTARCHICO hieß auch seine erster langer Film aus dem Jahr 1977, dem er sein Alter ego Michele Apicella einführte, von dem er sich erst jetzt für Caro Diario getrennt hat. Als Autarkist hat sich Nanni Moretti in die Tradition großer Filmkomiker eingereiht, die alle von der totalen Kontrolle ihrer Filme lebten. Und mit der Badekappe in Palombella Rossa und dem Sturzhelm in Caro Diario hat er jene Insignien gefunden, die Komiker brauchen. Mal trägt er sie wie ein Narr seine Kappe, mal wie ein König seine Krone, in jedem Fall betonen sie die Vereinzelung seiner Figur, die als Marionette wie als Puppenspieler immer die Kluft zwischen sich und der Welt erfährt.

Die Kluft geht bei Moretti mitten durchs Individuum: Zwischen dem, was einer fühlt, und dem, was er sagt, und vor allem zwischen dem, was einer tut, und dem, was einer ist, besteht selten Übereinstimmung. Und je verzweifelter seine Figuren versuchen, die Kluft zu überbrücken und das eine mit dem anderen zur Deckung zu bringen, desto sicherer mißlingt es ihnen.

Die Diskussionen des Underground- Theaters in IO SONO UN AUTARCHICO taugen genauso wenig wie die bewußtseinserweiternden Sitzungen in ECCE BOMBO zu Verständnis oder Verständigung. Gerade da, wo Kommunikation stattfinden sollte, herrscht eine allumfassende Sprachlosigkeit – nicht, weil die Menschen nichts sagen würden, sondern weil sie für das, was sie mitteilen wollen, keine Sprache haben. Die Ärzte in CARO DIARIO reden viel, können ihrem Patienten aber auch nicht sagen, was ihm fehlt. Die Journalistin in PALOMBELLA ROSSA redet viel, aber versteht nichts und bekommt am Ende eine Ohrfeige. Und der Priester in LA MESSA È FINITA redet auch viel, aber findet am Ende für seine Freunde auch keine Worte, die irgendwie hilfreich wären. Und auch der Lehrer in BIANCA und der Filmregisseur in SOGNI D’ORO betreiben die Kommunkation als Beruf, sind aber kaum in der Lage, sich verständlich zu machen.

Das politische und psychologische Palaver, das in all diesen Filmen vorgeführt und bis zur Kenntlichkeit entstellt wird, birgt natürlich auch Gefahren. Genau das, was Moretti für seine Generation zur Identifikationsfigur gemacht und vom Off-center ins Zentrum gerückt hat, läßt ihn heute wieder etwas abseits stehen. In einer Zeit, da das Gerede auf Parteiversammlungen und Partys, in Fernsehen und Familie unzählige Male entlarvt worden ist, ist manchen Filmen Morettis mittlerweile Biß und Witz abhanden gekommen. Da muß man in seinem Werk dann eher den Zeitcharakter suchen und die Filme als Dokumente begreifen, in denen man der Desillusionierung einer Generation bei der Arbeit zusehen kann.

Am überzeugendsten ist es Moretti in PALOMBELLA ROSSA (Wasserball und Kommunismus) gelungen, die Überzeugungen von einst in Frage zu stellen. Da spielt er einen Mann, der bei einem Autounfall sein Gedächtnis verliert und auf der Suche nach seiner Identität zwar herausfindet, daß er kommunistischer Politiker ist, aber sich nicht mehr erinnern kann, warum. Mit diesem simplen Einfall bringt er im Grunde mehr auf den Punkt als in all den anderen Filmen zusammen. Man darf das allerdings nicht als Abschied verstehen, sondern vor allem als Aufforderung zum Neuanfang: sich zurückzubesinnen, warum bestimmte Ideale es wert waren, für sie zu kämpfen, ehe sie sich verselbständigt und von ihren Ursprüngen entfernt haben. Das ist die Utopie, von der Nanni Moretti erzählt – die Identifikation der Menschen mit ihren Träumen.

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