13. April 1994 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Stanley Donen

Als es passierte, ahnte er nicht, daß er einem Wunder beiwohnte. Da war Stanley Donen einfach nur glücklich, daß er das machen durfte, was er am liebsten machte: Musicals. Heute, da jeder weiß, daß die Musicals der Fünfziger zum Besten gehören, was das Kino zu bieten hat, da scheint ihm das dennoch kein Trost zu sein. Wo andere sich mit 70 längst freiwillig zur Ruhe gesetzt haben, da grollt Donen über seinen erzwungenen Vorruhestand. Der Regisseur von Filmen wie SINGIN` IN THE RAIN und ON THE TOWN, von CHARADE UND ARABESKE, von ZWEI AUF GLEICHEM WEG und VOR HAUSFREUNDEN WIRD GEWARNT (Photo mit Deborah Kerr) hat seit über zehn Jahren keinen Film mehr gemacht, weil man ihn nicht läßt. Er bekommt kein Geld und keine Aufträge, aber immerhin wird er gerüchteweise in Notfällen beim Schnitt zu Rate gezogen. Zum Beispiel bei Michael Ciminos SIZILLIANER, den Donen im Auftrag des Produzenten fertiggestellt haben soll. Vermutlich würde sich Donen also nicht freuen, wenn zu seinem 70. Geburtstag von seiner Karriere in der Vergangenheitsform geredet wird. Und wenn man ihn vorletztes Jahr beim Münchner Filmfest mit seinem Lieblingsstar Audrey Hepburn auf der Bühne gesehen hat, dann kann man sich tatsächlich auch nur schwer vorstellen, daß dieser aufmerksame, frische Mann schon vor Jahrzehnten mit Gene Kelly Regie geführt haben soll. Aber offenbar hat sich Stanley Donen diese Leichtfüßigkeit, die ihn auch durch alle anderen Genres getragen hat, bis heute bewahrt. Das können mit 70 nicht viele von sich sagen.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


fünfzehn + 6 =