28. November 1994 | Focus Magazin | Porträt | Robert Mitchum

Der coolste Mann des Universums

Robert Mitchum dreht in Deutschland einen Film und schweigt beharrlich

Auf dem Schild steht Heidelberg Süd, aber dies ist Köln-Nippes. Über dem Verschiebebahnhof hängt ein grauer Himmel, der sich sofort aufs Gemüt legt. Dem Filmteam ist das einerlei. Arbeit ist Arbeit.

Zwischen zwei Reihen Waggons haben sie Kamera und Scheinwerfer aufgebaut, die im Nieselregen einen unwirklichen Glanz verbreiten. Und in der Mitte des geschäftigen Treibens steht ein Ohr, ein abgeschnittenes Ohr unter einer Glasglocke.

Das Ohr ist zwar nur ein Requisit für die Szene, die hier gedreht wird, aber irgendwie hat man den Eindruck, daß es sich mit Dreharbeiten im Grunde verhält wie mit diesem Ohr. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen wird Szene um Szene gedreht, immer in der Hoffnung, irgendwann lasse sich daraus ein Film zusammenflicken. Bis dahin wirkt das ganze Treiben etwa so unwirklich wie ein abgeschnittenes Ohr auf einem aufgelassenen Verschiebebahnhof in Köln-Nippes.

THE SUNSET BOYS ist eine europäische Koproduktion, für die der norwegische Regisseur Leidulv Risan eine Menge beachtlicher Namen versammelt hat. Allein aus Deutschland sind das Hanna Schygulla, Nadja Tiller, Joachim Kemmer, Kai Wiesinger, Ulrich Wildgruber, Ernst Jacobi und Ingrid van Bergen.

Dazu kommen noch ein paar Dänen sowie Erland Josephson, Cliff Robertson und, ja tatsächlich, Robert Mitchum. Auch er wirkt hier draußen, zwischen einer Ausbesserungshalle und einer Drehscheibe, die beide schon bessere Zeiten gesehen haben, wie ein abgeschnittenes Ohr, wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt.

Mr. Mitchum, heißt es jedoch gleich zur Begrüßung, gibt heute keine Interviews. Natürlich nicht. Er hat noch nie gerne Interviews gegeben und wenn, dann nur, um so wenig wie möglich zu sagen. Im Grunde ist die Enttäuschung gar nicht so groß. Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, daß er eitel und geschwätzig und arrogant ist. Ist er nicht.

Er möchte nicht reden. Er hat keine Lust. Die Fragen kennt er im Zweifelsfall schon. Und die Antworten sind auch immer dieselben.

Wie er da unter dem Schirm sitzt und ungerührt in den Kölner Regen blickt, wirkt er wie eine alte Echse, die nur durch ein gelegentliches Blinzeln der Augen zu erkennen gibt, daß sie noch am Leben ist.

Sein Gesicht dürfte ein paar tausend Jahre alt sein. Nicht weil es so faltig ist, sondern weil sich darin nur noch die ganz großen Erdverschiebungen abzeichnen. Eine große Klarheit liegt darin, viel Gelassenheit und ein Hauch von Spott, für eine Welt, die sich mit solchen Kleinigkeiten wie Interviews abgibt.

In einer Drehpause versucht es ein Pulk von Journalisten doch: „Mr. Mitchum, dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?“ Kein Lebenszeichen.

„Es heißt, Sie hätten früher an den Rand Ihrer Drehbücher geschrieben: NAR – No Action required. Kein Spiel erforderlich. Ist das hier auch so?“
Der Mund öffnet sich tatsächlich: „Höre ich zum erstenmal.“
„Der Film heißt THE SUNSET BOYS. Ist das auch der Sonnenuntergang Ihrer Karriere?“
„Das ist das bittere Ende.“

Danke. Das war´s. Nächste Szene.

Er steht da, ungerührt im Scheinwerferlicht, Welten entfernt. Seine Stimme trägt durch den Regen über das ganze Gelände und vermutlich auch noch weiter. Sie kommt nicht nur aus der Tiefe seines Brustkorbs, sondern aus der Tiefe eines Lebens, das alles gesehen hat, die Höhen und die Tiefen und all die Illusionen dazwischen.

Die Journalisten stürzen sich auf Bob Stephens, seinen Assistenten. Er selbst nennt sich lieber Reisebegleiter und genießt die Aufmerksamkeit. Er hat auch schon bessere Zeiten gesehen und streift mit einem Golfschläger in der Hand übers Gelände. Über Mitchum hat er nicht wirklich viel zu sagen, aber über sein Handicap beim Golf. Es liegt bei zwölf.

Die Szene ist im Kasten. Der Regisseur kommt und kündigt die letzte Einstellung an. Mitchum nimmt einen Zug aus seiner filterlosen Pall-Mall, blickt ihn aus ungefähr 100 Kilometern Höhe an und fängt an zu singen, wirklich zu singen: „I think I´ve heard that song before…“

Es regnet in Köln-Nippes, und der coolste Mann des Universums singt und gibt zu verstehen, daß er diese Leier von der letzten Einstellung schon einmal gehört habe. Die Szene ist etwa so unwirklich wie ein abgeschnittenes Ohr unter einer Glasglocke, aber mindestens doppelt so ergreifend.

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