26. September 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Elmore Leonard

Wenn die Stunde schlägt

Wer ist Elmore Leonard? Eine ziemlich lange Krimi-Erfolgsstory

Wenn es etwas gibt, was die amerikanische Literatur von der im Rest der Welt unterscheidet, dann ist es ihr Hang zum Praktischen. Die Überzeugung, daß das Leben die beste Schule ist. Wenn also einer von Elmore Leonards Helden seine zehn Regeln für Erfolg und Glück verrät, dann kann man sich getrost die eine oder andere hinter die Ohren schreiben: „Sei immer höflich. Sag Bitte und Danke. Sag nie mehr als nötig. Zieh dich ordentlich an. Benutze nie deinen eigenen Wagen. Zähl nie die Beute im Wagen. Wedle nicht mit Geld herum, wenn du in einer Bar oder mit einer Frau zusammen bist. Geh nie zurück in deine alte Kneipe, wenn du dich verändert hast. Sag nie, was dein Beruf ist. Laß dich nie mit Gaunern ein. ”

Elmore Leonard hat die letzte Regel nicht befolgt. Seine Bücher erzählen von großen und vor allem von kleinen Gaunern, die sich den Traum vom Glück weder vom Gesetz noch vom Geschick haben austreiben lassen. Mit diesen Figuren hat es Leonard zum Grand Master Award der Mystery Writers of America und 1985 zu einer Titelgeschichte in Newsweek gebracht. Von 35 Romanen sind 32 in Hollywood gelandet, aber es mußte erst John Travolta die Rolle des Chilli Palmer in SCHNAPPT SHORTY! spielen, damit Leonards Stoffe nun auch tatsächlich verfilmt werden. „Seit 45 Jahren schreibe ich”, sagt Elmore Leonard, „aber wenn mich jemand fragt, was ich geschrieben habe, muß ich nur auf den Film verweisen – dann ist alles klar. ”

Das erfolgreichste Rezept in Hollywood ist immer noch der Erfolg: Nachdem seine 32 Bücher erst mal ewig irgendwo auf Eis lagen oder manchmal ohne Erfolg verfilmt wurden, ist Leonard im Alter von 73 Jahren plötzlich oben auf. Für die Rechte an OUT OF SIGHT, dessen Verfilmung mit George Clooney gerade bei uns im Kino läuft, bekam er zweieinhalb Millionen Dollar. Miramax hat fünf seiner Romane für Quentin Tarantino gekauft, der aus „Rum Punch” seinen letzten Film JACKI BROWN gemacht hat. Und die Coen-Brüder sitzen an einer Adaption seines jüngsten Romans „Cuba Libre”. Höchste Zeit zu fragen, wer der Mann ist, der hinter alledem steht, und warum sein Erfolg überfällig ist.

Die hierzulande häufig beschworene Welthaltigkeit war für die amerikanische Literatur noch nie ein Problem. Oder um es anders zu sagen: Leonards Figuren, hieß es in einer Kritik, seien „so echt, daß sie jeden Moment aus den Seiten steigen und einem in die Fresse schlagen könnten”. Das liegt, wie immer wieder gesagt wird, an Leonards Ohr für Dialoge. Es wurde deshalb gemutmaßt, der Autor säße häufig in Kneipen oder sonstwo und lausche auf alles, was so gesprochen wird. Leonard entgegnete nur, daß jeder, der sich mal eine Aufnahme von Gesprächen anhören würde, merkte, daß die Wirklichkeit als Vorlage für Dialoge nicht taugt: „Es dauert ewig, bis die Leute zum Punkt kommen. Wichtiger ist deshalb der Rhythmus – nicht, was die Leute reden, sondern wie sie reden. Das versuche ich zu imitieren, indem ich in ihre Haut schlüpfe. ” Seine Frau Joan, hat er an anderer Stelle verraten, könne, wenn er abends aus seinem Büro kommt, stets an seinem Verhalten erraten, über welche Figur er tagsüber geschrieben hat.

Mindestens genauso wichtig ist sein Blick für Details, die er teilweise von Rechercheuren sammeln läßt. Einer seiner Zuträger hat im Fachblatt The Armchair Detective mal geschrieben: „Wonach Dutch – so sein Spitzname – sucht, sind Auslöser. Ich muß immer eine Unmenge Material zusammentragen, die er dann nach Details durchkämmt, um eine einzige Geste oder den Schatten einer möglichen Kulisse zu finden, irgendeine Winzigkeit, die ihm den Weg weist. ” Gegen die Detailversessenheit anderer Bestsellerautoren setzt Leonard die Anschaulichkeit seiner Situationen: Daß etwa ein ehemaliger Polizist aus alter Gewohnheit seinen Wagen ganz ungeniert am Taxistand parkt. Andererseits setzt er sich manchmal auch über seine Rechercheure hinweg. Für „Cuba Libre” hatte er jemanden nach Cuba geschickt, war jedoch mit dem Roman schon fertig, als der Mann zurückkam. Leonard hat dann nur jene Szenen überarbeitet, die im Inneren des Hotels Inglaterra spielen, das er nicht aus eigener Anschauung kannte.

Vielleicht rührt dieses Talent aus jener Zeit her, als er in seiner Heimatstadt Detroit seinen Kumpels die Filme von Errol Flynn und Gary Cooper nacherzählte. Vielleicht aus jener Erkenntnis, daß man das Verbrechen nicht zu ernst nehmen darf, wenn man Krimis schreiben möchte. Vielleicht aus der Erfahrung als Westernserien-Schreiber, daß die Plots austauschbar sind und es also auf anderes ankommt. Als Leonard in den Fünfzigern anfing, jeden Morgen aufzustehen, um zwei Stunden lang schreiben zu können, ehe er in die Werbeagentur ging, las er wie die meisten angehenden Autoren jener Tage nebenher Hemingways „Wem die Stunde schlägt”, um einen Tonfall zu finden. Später sagte er dazu: „Ein Autor muß ungefähr eine Million Worte schreiben, um seinen Stil zu finden. Ich habe zehn, fünfzehn Jahre dafür gebraucht. ” Seither vermeidet er jede Art von Lektüre, während er an Romanen schreibt. Nicht zuletzt, weil er einmal nebenher „Marathon Man” gelesen und plötzlich festgestellt hat, daß er anfing, seine Sätze wie William Goldman mit lauter Strichpunkten zu durchsetzen.

Als in den Sechzigern der Markt für Western austrocknete, beschloß Leonard sich anderen Themen zuzuwenden, zumal er sich beim Schreiben zunehmend wie ein Auto fühlte, das ewig nur im zweiten Gang fährt. Er schrieb einen Krimi und schickte ihn an H. W. Swanson, den Agenten von Hemingway, Chandler, Cain, Faulkner, Fitzgerald. Der rief zurück und sagte: „Hast du das geschrieben? Junge, ich mache dich reich. ” Aber dann handelte er sich 84 Ablehnungen ein, ehe das Buch einen Verlag fand und verfilmt wurde. Als „The Big Bounce” Premiere hatte, hörte Leonard, wie eine Frau in der Reihe vor ihm zu ihrem Begleiter sagte: „Das ist ja wohl der schlechteste Film, der je gemacht worden ist. ” Leonard stand auf und ging. Auch nach den Verfilmungen von HOMBRE, 52 PICKUP oder STICK blieb sein Verhältnis zu Hollywood problematisch – bis sich Regisseur Barry Sonnenfeld SHORTY schnappte.

Zur Zeit schreibt Leonard an einer Fortsetzung der Geschichte um Chilli Palmer, in der er sich einer Mädchen-Band annimmt. Titel: „Be Cool”. In einem Interview im Internet sagte er: „Schreibblockade kenne ich nicht. Wenn ich mit einer Szene Probleme habe und zu lange nicht weiterkomme, werfe ich sie raus. So habe ich es schon immer gemacht. Manchmal fließt es eben, und manchmal muß man einen Ziegel an den anderen setzen. Hauptsache, der Rhythmus stimmt. ” Und dann erzählt er von der Zeit der morgendlichen Schreibstunden: „Ich hatte nur eine Regel: Ich mußte mit dem Schreiben begonnen haben, bevor ich das Kaffeewasser aufsetzte. Wenn ich das nicht getan hätte, würden wir uns heute nicht über meine Karriere unterhalten.” So pragmatisch kann man es auch sehen.

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