23. Januar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Nastassja Kinski

TÖDLICHE GESCHWINDIGKEIT bringt ein Wiedersehen mit Nastassja Kinski

Plötzlich ist sie wieder da. Erst hat sie für H&M geheimnisvoll von Plakatwänden gelächelt, jetzt spielt sie an der Seite von Charly Sheen in TÖDLICHE GESCHWINDIGKEIT. Nastassja Kinski lebt also, und alle halten sie für einen Star – aber keiner weiß, warum.

Es gibt ein paar Gründe. Zum Beispiel ist Nastassja Kinskis Schönheit von jener Art, die selbst zurückhaltende Menschen ins Schwärmen geraten läßt. Den Filmkritiker von TimeE etwa, mit dem einst alle Gäule durchgingen: „Wer liebt dich, Baby? Wer sieht dich an und beschützt dich? Wer findet Poesie in jeder Pore, Anmut in deinen Gliedern, Geheimnis in deinen Augen? Wer kann dich nie vergessen? Wer ist dein perfekter Liebhaber, Baby? Es ist die Kamera.” Der Mann hat recht. Ihre Schönheit ist nicht von dieser Welt.

Das war von Anfang an so. Als Nastassja Kinski 1977 im TATORT REIFEZEUGNIS auftrat, sahen sagenhafte 67 Prozent der Deutschen dabei zu, wie sie ihren Lehrer Christian Quadflieg respektive Kommissar Klaus Schwarzkopf um den Finger wickelte. Und hinterher ergaben Umfragen, daß über die Hälfte aller Männer davon träumen, eine Nacht mit ihr zu verbringen. Vor allem solche, die locker ihr Vater hätten sein können.

Sie hätte auch Roman Polanskis Tochter sein können, der sich ihrer tatsächlich annahm, sie in TESS besetzte, der ihr den Golden Globe und einen César einbrachte. Plötzlich war sie ein Weltstar, und davon waren dann auch bei uns alle überzeugt. Andererseits haben den Film nicht allzu viele Leute gesehen. Und auch ihre folgenden Auftritte, in EINER MIT HERZ etwa, in CAT PEOPLE, DER MOND IN DER GOSSE oder MARIA`S LOVERS wurden vom Publikum eher verschmäht. Man glaubte auch so, daß sie ein Weltstar ist. Es mußte ja einen Grund haben, warum die berühmtesten Regisseure in Amerika, Frankreich und Italien sich um sie rissen. Eigentlich war und ist sie ein Star ohne echtes Publikum, eine Königin ohne Königreich.

Wie ist das möglich? Ganz einfach. Ruhm ist keine Sache des Erfolges. Auch Greta Garbo hatte eine Zeit, in der niemand ihre Filme sehen wollte, und Marlene Dietrich galt jahrelang als Kassengift. Ruhm ist nichts anderes als das richtige Gesicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es ist das, was sich nicht in Worte fassen läßt, weil es sonst zu Staub zerfiele. Ruhm ist nicht im Kopf, sondern im Herzen zu Hause, und von dort läßt er sich auch nicht so leicht vertreiben. Man verliert einen Star aus den Augen, aber niemals aus dem Herzen.

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