12. August 1992 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Samuel Fuller

Der Stoff, aus dem die Sensationen sind

Der amerikanische Regisseur Samuel Fuller wird 80

Ohne Punkt und Komma. Samuel Fuller interviewt man nicht, sondern man gerät unter die Räder. Schon sein schlohweißes Haar, das in Flammen vom Kopf steht, läßt ihn wie einen Kobold wirken, und sein schnarrendes Lachen und gelegentliches Aufjaulen, mit dem er mitunter seinen Pointen den Boden bereitet, tun ein übriges. Immer wieder packt er sein Gegenüber am Arm, als wolle er beim Erzählen sicherstellen, daß der Ernst der Lage auch voll begriffen wird. Und mit seiner zerkauten Zigarre, die mehr aus als an ist, fährt er durch die Luft und versieht seine Geschichten mit Ausrufezeichen. Der Mann war mit 75 noch ein Naturwunder, mit 80 wird das nicht wesentlich anders sein.

Schlagzeilenkino hat man seine Filme genannt, weil er seine Bilder auf die Netzhaut krachen läßt wie Zeitungsballen vor die Verkaufsstände. Große Lettern, fette Schrift. Man sieht sofort, worum es geht, wird im nu gepackt. Kein Wunder, Fuller kennt sich aus in diesem Gewerbe, hat die harte Schule des amerikanischen Zeitungsjournalismus durchgemacht: copy-boy, personal copy, head-copy boy, mit 17 jüngster Kriminalreporter in New York.

Dann machte er sich auf nach Westen, erst San Franciso Chronicle, dann San Diego Sun, Kurzgeschichten, Sachbücher, schließlich Hollywood. Erst schrieb er Drehbücher, dann kam der Krieg, hinterher drehte er seine eigenen Filme. 1948 fing es an mit I SHOT JESSE JAMES.

„Film ist wie ein Schlachtfeld“, hat er bei seinem Auftritt in Godards PIERROT LE FOU gesagt: „Liebe, Haß, Action, Gewalt und Tod. Mit einem Wort Emotionen.“ So filmt er auch, ohne Zaudern und Zögern. Aber daraus wird nicht das klassische Kino der unsichtbaren Schnitte, sondern ein Stakkato roher Emotionen, in denen jeder Schnitt oft genug ein Akt der Gewalt ist. In UNDERWORLD USA sieht man: Einen Gangster im Auto. Ein Mädchen auf einem Fahrrad. Sich immer schneller drehenden Reifen. Den erschreckten Blick zurück. Den Schrei der Mutter am Fenster. Mädchen und Fahrrad am Boden. So wird aus einem ennervierend beiläufigen Akt des Tötens ein geradezu surrealistisches Kunstwerk. Ein anderes Beispiel am Anfang von THE NAKED KISS: Eine Frau schlägt auf die Kamera ein. Ihre Perücke verrutscht. Darunter ist sie kahlrasiert. Sie ist eine Nutte, die sich an ihrem Zuhälter rächt. Von dieser Art ist die moderne Schönheit der Filme Fullers. Die Neurosen des amerikanischen Kinos der Fünfziger Jahre treiben bei ihm die schillerndsten Blüten. In ihrer Plakativität wirken sie häufig fast abstrakt.

Fuller liebt den Stoff, aus dem die Sensationen sind: Bizarre Ereignisse, vermischte Nachrichten. Der Rebell Rod Steiger versucht in RUN OF THE ARROPW General Lees Kapitulation durch einen Schuß in letzter Minute zu verhindern. Der Taschendieb Richard Widmark klaut in PICK_UP ON SOUTH STREET zufällig einer Agentin die Handtasche samt Mikrofilm. In WHITE DOG versucht ein Schwarzer, einen Hund umzuerziehen, der von einem Rassisten darauf trainiert worden ist, Schwarze anzufallen. HOUSE OF BAMBOO, FORTY GUNS, VERBOTEN!, SHOCK CORRIDOR: Krude Geschichten, griffige Konstellationen. Als Journalist weiß Fuller eben, wie man die Leute neugierig macht.

Samuel Fuller lebt mit seiner deutschen Frau Christa in Paris, hat nach eigenen Angaben noch etwa 300 fertige Drehbücher in der Schublade und arbeitet immer noch, zuletzt STRASSE OHNE WIEDERKEHR und DIE MADONNA UND DER DRACHE. Wenn man ihm einmal zuhören durfte, weiß man, warum: Denn Leben heißt für ihn Geschichtenerzählen.

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