16. September 1993 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Harrison Ford

Der Mann ohne Eigenschaften

Ein Gespräch mit dem Filmschauspieler Harrison Ford

‚Seien Sie auf die Wahrheit gefaßt‘, sagt er zur Begrüßung. Aber die Wahrheit ist, daß Harrison Ford nichts sagt, was irgendwen aus der Fassung bringen könnte. Was nicht heißt, daß er nichts zu sagen hätte. Es ist nur so, daß er nicht besonders gerne redet. Schon gar nicht über sich selbst.
Die Daten seiner Karriere sind beeindruckend genug: Er war dreimal INDIANA JONES und dreimal Han Solo im KRIEG DER STERNE, und beinahe wäre er auch in E.T. zu sehen gewesen. Er ist also in der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten öfter als irgendwer sonst vertreten, und daß das kein Zufall ist, merkt man an der Wahl seiner übrigen Rollen. Gerade als man ihn auf holzschnittartige Helden in Abenteuern für Kinder festlegen wollte, spielte er den BLADE RUNNER. Und es folgten in den letzten zehn Jahren je zwei Filme für Peter Weir (DER EINZIGE ZEUGE, MOSQUITO COAST) und Mike Nichols (DIE WAFFEN DER FRAUEN, IN SACHEN HENRY), dazu Arbeiten mit Polanski (FRANTIC) und Pakula (AUS MANGEL AN BEWEISEN), sowie zuletzt DIE STUNDE DER PATRIOTEN und nun AUF DER FLUCHT, die Filmversion der Fernsehserie um Richard Kimble. Ford garantiert Erfolge, und dafür bekommt er weit über zehn Millionen Mark pro Film.

Mit welchen der Helden, die er gespielt hat, würde Harrison Ford am liebsten einen Abend verbringen? Kommt auf den Abend an, sagt er: ‚Mit dem Anwalt in Pakulas Film wahrscheinlich nicht, mit dem Arzt aus Frantic eher auch nicht. Aber im Grunde ist das so, als müßte ich mich unter meinen vier Kindern für eines entscheiden. So denke ich einfach nicht. Ich bin für alle Erfahrungen aufgeschlossen. Ich sehe das eher pragmatisch. Abstraktes Denken liegt mir nicht.‘

Schon als Jugendlicher war ihm das Konkrete näher. Er hat sich also lieber mit Autos befaßt als sich vor den Fernseher zu setzen. Weswegen er auch keine Erinnerungen an die Serie mit Richard Kimble hat, in der David Jansen Mitte der Sechziger die Hauptrolle spielte. Für die Dreharbeiten zu AUF DER FLUCHT kehrte Ford, der in Wisconsin auf dem Land lebt, in seine Heimatstadt Chicago zurück. Aber zu sagen, er komme von daher, vermittelt einen falschen Eindruck von seiner Herkunft. Er ist eher das Vorortkind aus dem Staate Illinois und hat seine Jugend in der Mitte des Landes verbracht, wo Amerika am amerikanischsten ist.

Ganz und gar durchschnittlich sind denn auch die Typen, die Ford spielt: Polizisten, Anwälte, Ärzte, Familienväter, Leute ohne Macken und Marotten, arbeitsame Männer ohne Eigenschaften. Nur eine Narbe über dem Kinn trübt die Ebenmäßigkeit des Gesichts, das vor allem durch den Ausdruck unbedingter Entschlossenheit seinen frühen Helden den idealen Ausdruck verlieh. Dieser Mann, das war klar, konnte nur in der Aktion zu sich finden. Andererseits hätte man hinter seiner ruhigen Präsenz durchaus schon seine Eignung für konzentriertere Rollen ahnen können. So wie sich hinter seiner Aufrichtigkeit durchaus auch ein komischer Aspekt verbirgt. Man muß sich nur mal ansehen, wie er in Working Girl mit zwei Früchtecocktails in der Hand auf einer Party steht.

Beim Gespräch wirkt Harrison Ford tatsächlich wesentlich beeindruckender als mancher Schauspieler, der auf der Leinwand eine farbigere Figur abgibt. Seine Züge sind scharf geschnitten und sein steter Blick verleiht ihm einen Ernst, den man augenblicklich respektiert. Und er hat jene so bedächtige wie feste Art, seine Worte zu setzen, der man sich auch im Kino so bereitwillig anvertraut. Vielleicht, denkt man sich, hat er diese Ausstrahlung, weil er an der Schauspielerei als Audrucksform nie sonderlich interessiert war.

Angefangen hat er damit in den Sechzigern, weil ihn andere Sachen noch weniger interessierten. Und im ersten Jahrzehnt seiner Karriere hatte er außer ein paar kleinen Rollen so wenig zu tun, daß er sich selbst das Tischlern beibrachte. Und es gehört nicht viel dazu, sich vorzustellen, daß er das weniger als Nebenerwerb denn als Beschäftigungstherapie betrieben hat. Das Handwerk bot ihm eine Befriedigung, die er mit ein paar Sätzen vor der Kamera nicht erreichen konnte. Und auch heute interessiert ihn an der Schauspielerei nur das Handwerkliche. Da erinnert er durchaus an Leute wie Robert Mitchum, denen auch nie sonderlich am Rollenspiel lag unddie auf ihre Präsenz vertrauen konnten. Wie ein Banker wirkt Ford in seinem dunklen Anzug und seiner ernsten Art, aber zwischendurch zeigt sich doch, daß es ihm dabei nicht um seine Erscheinung geht. Da legt er unvermittelt sein Bein über die Armlehne des Sessels, weniger um damit Lässigkeit zu demonstrieren als aus jener Ungeduld heraus, die ihn auch immer wieder den Stift in seiner Hand bearbeiten läßt – eine Ungeduld, die ihn bei so einer abstrakten, ziellosen Angelegenheit wie einem Interview zwangsläufig befallen muß und die sich aber in keiner Weise im Sprechen niederschlägt. Es sei denn, in jenem Tonfall, der es aufgegeben hat, sich über die Fragen der Leute zu wundern.

Bei der Frage, ob er sich an einen besonders glücklichen Moment seiner Karriere erinnern kann, lächelt er verlegen, er verzieht das Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen: ‚Ich hebe nicht gerne Dinge heraus. Ich kann mich auch wirklich an keinen einzelnen Moment erinnern. Ich erlebe mein Leben als Kontinuum von Erfahrungen, von Hochs und Tiefs, wo nichts herausragt. Ich gebe nur ungern irgendwelchen Sachen den Vorzug. Und wenn überhaupt, dann verbinde ich Glück mit der erfolgreichen Geburt meiner Kinder und sicher nicht mit irgendwelchen Momenten meiner Filmarbeit.‘

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