14. November 1986 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Die Filme der Marx Brothers im Münchner Arena

Weil er sein Lachen nicht unterdrücken konnte, mußte einer ihrer Regisseure seine Anweisungen aus einer Glaskabine geben. Ein anderer wunderte sich hinterher, daß er nicht übergeschnappt war, und ein dritter beschränkte sich fortan aufs Drehbuchschreiben. Den Marx Brothers konnte keiner etwas anhaben. Selbst später, als sie von der Paramount zu MGM wechselten, schafften sie es immer wieder, nicht in die Mühlen der schwachsinnigen Plots zu geraten. Die drei gaben das Tempo vor, Kamera und Drehbuch waren ihnen restlos ausgeliefert. Ihre Nummern waren wie Perlen an den dünnen Handlungsfäden aufgezogen. Da kam den Brüdern ihre Erfahrung aus den Zwanzigern, dem Vaudeville der Music-Hall-Bühnen zugute: Die Rollen waren verteilt, den Rest machte die Improvisation aus.

Damals waren sie noch zu fünft. Gummo war nur auf der Bühne dabei und Zeppo spielte in den ersten Filmen noch den romantischen Liebhaber, ehe auch er ausschied. Zurück blieb das unverwechselbare Trio: Groucho (1890-1977), der befrackte Marktschreier, gewandte Poseur und impertinente Vertreter in eigener Sache, mit der unvermeidlichen Zigarre und dem aufgemalten Schnauzer; Chico (1887-1961), der Tagedieb und verschlagene Händler mit italienischem Akzent und einer komischen Begabung fürs Klavier; und schließlich Harpo (1888-1964), der stumme Harfinist mit Zylinder, Hupe und einer manischen Vorliebe für Blondinen. Als Einwanderer beherrschen sie die Regeln des großen Spiels natürlich besser als die Einheimischen, haben in Roosevelts Amerika des New Deal, als ganz wörtlich die Karten neu verteilt wurden, immer noch ein As im Ärmel stecken. Sie trieben gegen- und miteinander ihr Geschäft mit dem Blödsinn: Ihr Filmtitel von 1931, MONKEY BUSINESS, vereint beides.

Schamloser Unfug

Salvador Dali bewunderte an der neuen Form des „Marxismus“ die „biologische, hysterische, kannibalische Raserei“. Der Surrealist zeichnete Harpo mit einem Hummer auf dem Lockenkopf, schenkte ihm eine Zellophan verpackte Harfe mit Saiten aus Stacheldraht und schrieb, als die beiden sich 1937 in New York trafen, mit ihm gemeinsam an dem nie verwirklichten Projekt GIRAFFEN AUF PFERDERÜCKEN-SALAT. Die Begeisterung des Malers ist nicht verwunderlich, weil die satyrische Figur mit ihren surrealen Qualitäten und amorphen Gelüsten Dali durchaus geistesverwandt war.

Wenn Harpo anfängt, Telephonhörer und Zierblumen zu essen, oder aus seinen schier unerschöpflichen Manteltaschen nacheinander das Bein einer Schaufensterpuppe, ein Pferdegeschirr und eine Lötlampe zieht, dann scheint er geradewegs dem surrealistischen Bildkosmos entsprungen zu sein. Als Jugendliche lagen wir am Boden vor Lachen über die Selbstverständlichkeit mit der in den Filmen die absurdesten Sachen passieren. Ihr Humor entstammt dem anarchischen Vergnügen am groben Unfug, er bedurfte nie irgendwelcher Erklärungen.

In den Marx Brothers lediglich Anarchisten zu sehen, hieße, eine andere wichtige Antriebskraft ihre gewöhnliche Seite, zu verkennen. Sie waren immer schamlose Geschäftemacher, hemmungslose Opportunisten, nutzten jede Lücke im gesellschaftlichen System zu ihrem Vorteil. Besonders Groucho, der Ein-Schleicher, lebt mit dem Überraschungseffekt seiner Unverschämtheiten ganz gut von der Trägheit gesellschaftlicher Konventionen. Sein bevorzugtes Opfer ist die unbeirrt gutmütige, allenfalls ergebnislos empörte High- Society-Gastgeberin Margaret Dumont die den Fehler begeht Groucho nicht ernst zu nehmen. Seine Gedanken, die er allesamt ungefiltert ausspricht, sind pure Berechnung. Weil er meint was er sagt, sind die Filme nur für Erwachsene: „Gehen wir auf den Balkon, oder wollen Sie gleich hier aus sich herausgehen?“

Alle drei, auch der stumme Harpo, weigern sich, den kommunikativen Regeln, ihrer Scheinheiligkeit zu dienen, beuten sie statt dessen aus. Sie nehmen die Welt beim Wort und entwickeln daraus ihre eigene Logik. Ein perfektes Bild findet sich dafür in GO WEST. Die drei fahren in einem Zug durch den Wilden Westen, verfeuern, als ihm der Dampf ausgeht nach und nach alle Waggons, bis der Zug aus den Schienen springt und seinen Weg abseits der Gleise macht.

Ein besonders gewandter Sprachverheizer ist die ungenierte Krämerseele Chico, der als Mittler zwischen dem artikulierten und dem stummen Bruder fungiert und die Mißverständnisse scheinbar mutwillig potenziert. Weil dieser professionelle Wortzerklumper natürlich von den Eigenheiten der amerikanischen Sprache lebt, sind zumindest die synchronisierten Filme, die das Arena spielt, im Grunde schon verstümmelte Fassungen. Wie sagt Groucho ganz richtig? „Was immer es ist ich bin dagegen.“

Heute um 23 Uhr laufen in einer Doppelnacht DIE MARX BROTHERS IM KRIEG UND AUF SEE, am Samstag um die gleiche Zeit diesmal aber im Original mit Untertiteln, ANIMAL CRACKERS und HORSE FEATHERS. Am Sonntag findet um 11 Uhr eine auch untertitelte Matinee mit COCOANUTS und GO WEST statt und um 23 Uhr werden DIE MARX BROTHERS IM KAUFHAUS gezeigt Am Montag läuft um 23 Uhr DAS GROSSE RENNEN und am Dienstag um die gleiche Zeit aber wieder mit Untertiteln, THE MARX BROTHERS AT THE CIRCUS. Und am Mittwoch gibt es dann um 11 und 23 Uhr die beiden schwächsten Filme, die sie für United Artists
gemacht haben, EINE NACHT IN CASABLANCA und LOVE HAPPY mit Marylin Monroe.

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