29. März 1999 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Leonardo DiCaprio

Film: Wird Leo jetzt erwachsen?

Glück für Woody Allen: Bevor Leonardo DiCaprio mit TITANIC ein Superstar wurde, übernahm er eine Rolle in Allens Film CELEBRITY. Er ist jung und berühmt, großspurig, laut und flegelhaft – ein richtiges präpotentes kleines Arschloch. So ist Leonardo DiCaprio in CELEBRITY , und natürlich ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ganz und gar ausgeschlossen. Tatsächlich hat man den Eindruck, daß Leonardo in CELEBRITY etwas spielen muß, was er genau nicht ist: den selbstgefälligen Filmstar-Schnösel, der sich mit Schnaps, Drogen und Frauen umgibt und allen Ernstes behauptet, auf der Suche nach der Wahrheit zu sein, nach „fuckin‘ integrity, man!‘ Wenn man DiCaprio erlebt hat, wie er vor drei Jahren in Deutschland Interviews gab für den Film JIM CARROL – IN DEN STRASSEN VON NEW YORK, dann sah man einen stinknormalen 20jährigen, der nicht recht wußte, was er mit dem ganzen Interesse an seiner Person anfangen soll: Wozu die vielen Fragen? Weshalb das teure Hotel? Warum die ganze Aufregung? Er hatte einen Kumpel dabei, um sich die Zeit zu vertreiben, und lümmelte sich im gepflegten Gestühl. Dabei wirkte er wie ein verstockter Teenager, und nicht wie ein strahlender Jungstar, der mit 19 zum ersten Mal für den Oscar nominiert worden war. Aber damals war Leo vor allem gut – heute ist er vor allem berühmt. Das führt zwar nicht dazu, daß er sich aufführt wie in CELEBRITY, aber er hatte neben seinen Klasserollen – GILBERT GRAPE, JIM CARROL und auch ROMEO UND JULIA – auch immer einen Hang zu Rollen, die ihm ein paar Nummern zu groß waren: als Westernheld, der in SCHNELLER ALS DER TOD Sharon Stone Paroli bieten muß – nicht ganz seine Kragenweite; als getriebener französischer Dichter Rimbaud in TOTAL ECLIPSE – knapp daneben; als französischer Sonnenkönig in DER MANN MIT DER EISERNEN MASKE – Schülertheater. Und auch in TITANIC, wo ihn alle geliebt haben, wirkten er und Kate Winslet wie Kinder, die in den viel zu großen Schuhen ihrer Eltern Erwachsene spielen – wahrscheinlich hat es deswegen so gut funktioniert. Wird Zeit, daß er mal erwachsen wird. Woody Allen hatte jedenfalls Dusel, ihn in CELEBRITY zu besetzen, ehe der Rummel um TITANIC begann. Auf die Weise hat er einen Superstar zum Sonderpreis bekommen. Und Leo hat im Film einen Vorgeschmack auf die Hysterie bekommen, die ihn nun im wirklichen Leben verfolgt. Als man ihn nach TITANIC so ziemlich als einzigen nicht für den Oscar nominierte, war er beleidigt und erschien nicht zur Verleihung, obwohl ihn Regisseur James Cameron eingeladen hatte. Seither hat er den Ruf, schwierig zu sein – dabei will er vermutlich nur seine Ruhe haben. Aber genau das ist es, was man sich für zwanzig Millionen Dollar nicht kaufen kann.

+++ Die letzten Nachrichten klingen nicht so gut. Der eher schweigsame Leo mußte einen britischen Journalisten am Set von DER STRAND in Thailand empfangen, um endlich mal mit den blöden Umweltschützern abzurechnen, die ihn seit Monaten nerven. Der Auserwählte vom Daily Telegraph geriet gleich aus dem Häuschen („Die Sonne ist heiß, der Himmel ist kobaltblau, der Blick ist atemberaubend‘) – nur Leo konnte nicht gefunden werden. Bei Unterwasserzenen war er von besonders unangenehmen Fans belagert worden: Mehrere (weibliche?) Exemplare der sogenannten Roten Qualle umarmten den Star mit ihren Tentakeln, er mußte zum Ausruhen auf eine Yacht. „Das Quallengift beeinträchtigte meine Atmung‘, erklärte er später. „Ich fühlte mich eine Zeitlang komisch.‘ +++ Derweil läuft in Manhattans Supreme Court eine Klage gegen Leo. Der glücklose Schauspieler Roger Wilson (PORKY`S I&II), Ex-Mann von Christy Turlington, will 45 Millionen Mark Schadensersatz von Leo. Es geht um einen Vorfall, der sich vor einem Jahr im Restaurant „Asia de Cuba‘ zugetragen haben soll. Leos Freunde belästigten offenbar die Sexbombe Elizabeth Berkley (SHOWGIRLS), bis sich ihr Freund Wilson darüber beschwerte. Danach soll Leo seine Mannen auf den Meckerer gehetzt haben, ein Schlag traf dessen Adamsapfel. Die Klageschrift spricht davon, daß Wilson „unter unmenschlichen Qualen zusammenbrach.‘ Klingt, ehrlich gesagt, nach typischer Weichei-Lyrik. DiCaprio weist den Vorwurf, irgendjemand zum Angriff animiert zu haben, kategorisch zurück. +++ Der britische Journalist hat ihn dann doch noch getroffen. Leo war „leicht gebräunt‘ und sah „älter aus‘ – aber gut. Er nahm zu den Vorwürfen Stellung, das Filmteam habe einen Traumstrand verwüstet, der unter Naturschutz steht. „Ich war jeden Tag dabei, und alle sind unheimlich vorsichtig mit der Umwelt umgegangen. Das Team hat sogar Tonnen von Abfall aufgesammelt. Der Strand sieht besser aus als je zuvor.‘ +++ Das dürfte also geklärt sein, aber damit nicht genug. „In diesem Jahr werde ich noch große Dinge für die Umwelt tun‘, ergänzte Leo. In diesem Zusammenhang muß man wissen, daß Leo bereits Geld gespendet hat für eine Initiative, die Gorillas in Ruanda retten will. Tja, Mädels, so ist er: Jeder Gorilla rührt sein Herz, keiner Fliege kann er was zuleide tun. Im Zweifelsfall nicht mal einer Qualle +++

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


sieben + elf =