03. Februar 1990 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Bill S. Ballinger

Gefangen nach den ersten Sätzen

Die Kriminalromane des Amerikaners Bill S. Ballinger

Als ich erwachte, fiel mein erster Blick auf eine weiß getünchte Decke. Irgendwo im Zimmer brannte eine Lampe, und der bleiche Lichtschein stach mir in die Augen. Nach einer Weile hörte ich die Bewegung von Körpern und das Rascheln von Stoff. Ich versuchte den Kopf zu wenden. In diesem Augenblick erkannte ich, daß meine Kehle durchschnitten war.“

Es gibt Einstiege, bei denen spürt man, wie der Autor die Schlinge zuzieht. Da weiß man gleich, daß man ihm nicht mehr entkommen wird. Es gibt Anfänge, die sind wie der flüchtige Blick einer Frau auf der Straße. Wenn man zu lange hinsieht, ist man gefangen. Es gibt nichts Schöneres als diesen erotischen Kitzel der ersten Sätze, hinter denen sich alle Versprechen der Welt verbergen. Alles ist möglich, alles ist offen. Das Buch schlägt die Augen auf, und man erkennt gleich, ob man diesem Blick standhalten will.

Der Anfang ist wie ein Schuß aus dem Hinterhalt. Ein tätlicher Angriff auf den Leser, ausgeführt mit einer scharfen Klinge. Es ist kein Wunder, daß im weiteren Verlauf des Buches die Identifikation von Leser und Erzähler feeziert wird. Alle Nervenstränge werden freigelegt um die komplizierten Verknüpfungen zwischen der Bewegung der Geschichte und unseren Gedanken an die Oberfläche zu bringen. Nichts ist vergleichbar mit dem Entsetzen des Lesers, wenn er erkennt daß er hinters Licht geführt wurde. Wie in Agatha Christies „The Murder of Roger Ackroyd“, wo sich der Erzähler als Lügner entpuppt. ‚Oder wie in Richard Neelys „Der Mörder und sein Schatten“, in dem der Mörder Teil der Persönlichkeit eines schizophrenen Erzählers ist. All das sind Verstöße gegen die Regeln des Genres, die man sich nur einmal erlauben kann. Es sei denn, der Autor ist geschickt und einfallsreich genug. Bill S. Ballinger ist beides.

„Die längste Sekunde“ ist die Geschichte eines Mannes, der mit durchschnittener Kehle im Krankenhaus erwacht und sich an nichts mehr erinnern kann. Eines Mannes auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit. Er weiß nicht wer versucht hat ihn umzubringen, und auch nicht, warum. Er weiß nicht wo er gewohnt hat. Die Wahrheit erkennt er in dem Augenblick „zwischen Alptraum und Sterben“ Und da ist das Buch am Ende angelangt.

Ballinger hat 27 Kriminalromane geschrieben, dies ist sein bester. „The Longest Second“ wurde 1957 geschrieben, 1960 ins Deutsche übersetzt Bis Anfang der Achtziger war er bei Heyne erhältlich. Seitdem ist das Buch verschwunden, als letztes von insgesamt 15 in Deutschland erschienenen – und Ballinger mit ihm. Auf einem ungnädigen Markt der sich erst seit neuestem um die Pflege dieses Genres bemüht ist Ballinger ein Vergessener. Goodis, Woolrich, Thompson, Willeford und all die anderen Klassiker werden bei uns endlich restauriert, die weniger bekannten warten noch auf ihre Ausgrabung. Aber das ist auch in Amerika oder Frankreich nicht anders: Ballinger wird nicht mehr verlegt. Mit etwas Glück findet man hin und wieder etwas im Antiquariat Aber mehr als acht deutsche, drei englische und zwei französische Ausgaben habe auch ich noch nicht gefunden. Immerhin genug, um ein Bild zusammenzustellen.

William Sanborn Ballinger wurde am 13. März 1912 in Iowa geboren, arbeitete in der Werbung, beim Radio und als freier Reporter. 1948 veröffentlichte er seinen ersten Roman: „The Body in the Bed“. Er schuf zwei Serienhelden, den Detektiv Barr Breed und den Spion Joaquin Hawks, schrieb unter zwei Pseudonymen, Frederic Freyer und B. X. Sanborn, und war dreimal verheiratet. 1981 starb er. Seine Helden waren geborene Verlierer, und Ballinger ließ sie lange im Netz zappeln, ehe er ihr Schicksal vollendete. Das konnte er, den Plot so kunstvoll knüpfen, die Stränge unerbittlich aufeinander zuführen, bis die Figuren atemlos in die Enge getrieben waren. Der Tod erscheint fast wie eine Erlösung. Ballinger sagte selbst: „Nichts freut mich mehr als Briefe, in denen steht: „Sie haben mich hinters Licht geführt‘.“

Ballinger ist der beste Beweis für die Zehner-Theorie: Daß zehn Seiten (oder zehn Minuten im Film) reichen, um zu wissen, ob das Werk etwas taugt. Eine todsichere Methode, die auch auf Ballingers „Keiner ging an ihr vorbei“ zutrifft. Er beginnt: „Wenn ich jemandem die Sache erzähle, der nicht dichthält bin ich erledigt. Außerdem würde mir sowieso niemand glauben.“ Wie gesagt: Ein Blick genügt.

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