12. Juni 1998 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Thomas Narcejac

Zufall und Notwendigkeit

Krimiautor Thomas Narcejac mit 90 Jahren gestorben

Das Gesetz des Romans, schrieben Boileau und Narcejac 1964 in ihrem Standardwerk „Der Kriminalroman”, sei die Spontaneität, das der Detektivgeschichte die Notwendigkeit: „Das eine ist biologischer, das andere mechanischer Natur. Wenn wir diese Schwierigkeit beheben wollten, mußten wir dem Opfer totale Freiheit lassen. Also mußten wir das perfekte Verbrechen aufgeben. ”

Vermutlich verstanden es die beiden Franzosen deshalb so gut, die gegensätzlichen Bewegungen des Erzählens zu verschränken, weil sie so unterschiedliche Temperamente waren: Pierre Boileau, der vor neun Jahren 83jährig starb, wurde die Kraft der Imagination zugeschrieben, während Thomas Narcejac, der jetzt im Alter von 90 Jahren gestorben ist, für die Strenge der Theorie stand. Gemeinsam machten sie aus dem roman noir eine fröhliche Wissenschaft. Gut fünfzig Romane haben sie zusammen verfaßt und bekannt wurden sie vor allem durch die Verfilmung: Hitchcocks VERTIGO, Clouzots DIE TEUFLISCHEN oder Périers MORD BEI $% TOUREN. Ihr Rezept, wenn man das so nennen mag, war die Verschiebung der Perspektive von Täter oder Ermittler auf das Opfer: „Ein Opfer ist man erst, wenn man in Ereignisse verwickelt wird, deren Bedeutung man nicht zu erkennen vermag, wenn das Reale eine Falle wird und das Alltägliche aus der Ordnung gerät. ” Immer neue Berufe, Milieus und Landschaften hat das Duo ihrem Mosaik der französischen Gesellschaft hinzugefügt, immer dem Credo folgend: „Der Detektivroman muß, anstatt den Triumph der Logik zu bezeichnen, nun den Bankrott des Denkens zelebrieren. ” In ihren Romanen hatten stets die Opfer, im Leben nun der Tod das letzte Wort.

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