07. März 1994 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Melina Mercouri

Die Frau, die weint und lacht

Melina Mercouri ist gestorben

Sie war eine jener Frauen, denen man verzeiht, wenn sie beim Essen rauchen. Sogar dann, wenn sie am Ende die Zigarette auf dem Teller ausdrücken. Melina Mercouri hatte dieses Talent, mit jeder Geste Werbung dafür zu machen, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Und war dabei doch jederzeit zum aufopferungsvollen Kampf bereit, wenn anderen diese Freiheit genommen wurde. Sie war also aus jenem Stoff, aus dem die Heldinnen sind.

Die Rolle ihres Lebens war das leichte Mädchen Ilya aus Piräus in dem Film SONNTAGS…NIE! von Jules Dassin, den sie nach den Dreharbeiten heiratete und mit dem sie vier weitere Filme drehte. Sie lachte und weinte und brannte ständig lichterloh. Ihr Wesen fand seine Entsprechung in ihren Zügen, in denen die Natur mit großer Geste ihren Ausdruck gefunden hatte: ein kühn geschwungener Mund mit unglaublich vielen Zähnen, riesige Augen und jede Menge Haare. So wurde sie Griechenlands liebster Exportartikel in den Sechzigern.

Aber wie die leichtlebige Ilya ihre Prinzipien hatte, ließ auch Melina Mercouri nicht mit sich spaßen, wenn es um ihr Land ging. 1967 wurde sie ausgebürgert, weil sie, wo es ging, gegen die Militärjunta sang und wetterte. Unermüdlich kämpfte sie fortan gegen die Obristen und zog dabei alle Register ihres dramatischen Könnens. Zwei Tage nach dem Sturz des Regimes kehrte sie mit ihrem Mann Jules nach Griechenland zurück, zog im zweiten Anlauf für Papandreou ins Parlament und wurde 1981 Kulturministerin. Ihre heisere Stimme wurde dadurch nicht leiser: Athen, Akropolis, Europa.

Melina Mercouri ist – wie könnte es anders sein? – an einem Sonntag in New York gestorben.

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