03. April 1997 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Roland Suso Richter

Frechsein muß man lernen

Regisseur Roland Suso Richter über Kino, Fernsehen und deutsche Gefängnisse

1984 hatte Roland Suso Richter mit KOLP ein vielversprechendes Debüt, das viel Lob erntete. Dann kam ein zweiter Film, den keiner mochte – nicht einmal er selbst. Dann arbeitete er fürs Fernsehen, zuletzt weit über dem Durchschnitt mit DER FALL DAGOBERT oder BUDDIES. Hoffnung, Enttäuschung, Fernsehen – eine ganz normale deutsche Kino-Karriere also. Doch jetzt hat er mit 14 TAGE LEBENSLÄNGLICH wieder fürs Kino gearbeitet – ein zweiter Anfang (Kritik s. Filmseite).

SZ: Sie haben jetzt lange nur fürs Fernsehen gearbeitet. Fühlt sich Kino anders an?
Richter: Das ist wie Durchatmen, ein großer Unterschied. Beim Fernsehen ist nie zuviel Kreativität gewünscht. Da ist es wichtiger, daß man um sechs Uhr fertig ist. Und im Kino gibt es schon auch Einschränkungen, aber erst hinterher. Erstmal geht es ums Maximum.
Wie muß man sich das vorstellen?
80 Prozent des Films konnte ich nach meinen Vorstellungen gestalten. Den Gefängnis-Innenraum etwa. Normale deutsche Gefängnisse sind eher unfilmisch beige oder lindgrün gestrichen. Wir haben also fünf Stockwerke komplett umgestrichen und 200 Neonröhren aufgehängt. Beim Fernsehen ist man davon abhängig, wie man etwas vorfindet. Das sieht dann immer so aus, als sei eine Stunde vorher ein Tatort-Team dagewesen. Je mehr ich hingegen von der Realität weg kann, desto besser kann ich Leute in eine Welt entführen, die ganz und gar filmisch ist.
Gibt es auch inhaltliche Unterschiede?
Fernsehen ist immer überfrachtet mit vermeintlich dramatischen Ereignissen, die aber nie zu dramatisch sein dürfen. Beim Kino darf man die Spitzen und Abgründe ausleben. Beim Fernsehen gibt es dauernd Diskussionen, ob es nicht doch zu hart ist. Ich will mich nicht darauf ausruhen, aber wenn es im Kino um Härte geht, kann ich sie auch zeigen.
Wie fühlt man sich, wenn man so lange warten mußte? Haben Sie das Gefühl, daß Ihnen diese Zeit gestohlen wurde?
Nein. Man legt sich das natürlich zurecht, aber andererseits möchte ich wirklich nicht mit den ganz Jungen tauschen, die noch vor sich haben, was ich für mich in diesen Jahren abhaken konnte. Ich hatte das Glück, den ersten Film intuitiv richtig gemacht zu haben. Für jeden setzt dann die Phase ein, in der er begreifen muß, was er da gemacht hat, um es dann so umsetzen zu können, daß er es danach wissentlich genauso gut macht. Jetzt muß ich mich nicht nur auf meine Intuition verlassen. Ich beneide also keinen um seinen zweiten oder dritten Film.
Das läßt sich jetzt leicht sagen. Damals haben Sie das sicher anders empfunden.
Damals war ich enttäuscht. Nach KOLP hat keiner angerufen und gesagt: ‚Das war interessant, laß uns was machen.‘ Und nach dem zweiten Spielfilm stand ich da: 200 000 Mark Schulden, der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür, und der Film war scheiße – das war mega-trüb. Ich habe zwar nie an dem Beruf gezweifelt, aber da gibt es schon düstere Momente, wo man denkt: ‚Du kannst nichts. Du bist nichts. Was soll das Ganze?‘ Wenn jetzt etwas schiefläuft, raste ich nicht mehr aus, sondern bleibe ruhig an dem dran, was in meinem Kopf vorgeht.
Haben Sie eine Vorstellung, wie 14 TAGE LEBENSLÄNGLICH aussähe, hätten Sie ihn damals machen können?
Die Erfahrung mit Schauspielern hat mir das Arbeiten schon erleichtert. Optisch würde der Film sicher nicht so – ich zitiere – amerikanisch aussehen. Außerdem wäre er wohl langsamer geworden. Als ich vor einem halben Jahr nochmal KOLP gesehen habe, war ich schockiert, mit welcher Ruhe ich damals erzählt habe. Heute rücke ich da unruhig auf dem Stuhl . Aber ich will das nicht verwerfen: Ich war eher fasziniert von der Sicherheit und dem Mut dieser Erzählweise.
Warum hat das so lang gedauert, bis der deutsche Film sozusagen zu sich gefunden hat?
Was gefehlt hat, war Kontinuität. Alle drei bis vier Jahre einen Film, in der Zeit verlernt man doch völlig, was man machen will. Da sitzt man wie ein verkrampftes Hühnchen davor und sagt sich: Oh Gott, jetzt muß ich beweisen, daß ich es auch kann. Da hat das private Fernsehen viel verändert. Man muß auch, wenn man Kino macht, begreifen, daß man mit der Kamera nicht immer was Spezielles machen muß, nur weil es Kino ist.
Aber dennoch hatte man oft den Eindruck, die Regisseure würden mit angezogener Handbremse inszenieren.
Eine gewisse Frechheit muß man sich auch erst aneignen. Schließlich ist man viel zu verwundbar. Viele schützen sich da, indem sie sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Die Reaktionen auf den zweiten Film haben mich immerhin auch zwei Jahre gekostet, bis ich den Mut gefunden habe, wieder etwas zu tun. Da ist man dann so froh, wenn man überhaupt etwas angeboten kriegt, daß man gewiß nicht sagt: ‚Das will ich nicht machen.‘
Und was war der beste Moment in jenen Jahren?
Ich habe die ganze Auflösung zu KOLP in New York geschrieben. Ich bin immer mit einem Riesenbuch in der U-Bahn gesessen, zwischen Manhattan und Brooklyn, und habe die Schlußszene entworfen, obwohl ich die Motive gar nicht kannte. Und als wir dann gedreht haben, waren die letzten zwölf Stunden alle so fertig, daß ich nur noch blind nach dem Buch gegangen bin. Und dann haben wir die Szene im Schneideraum mit einer Flasche Rotwein zwischen zwölf und vier Uhr morgens zusammengeschnitten. Ich stand heulend am Schneidetisch, aber das klappte ganz gut. Und obwohl der ganze Film zigmal umgeschnitten wurde, haben wir an dieser Szene nichts mehr geändert. Da geht so ein Knopf auf. Da weiß man, warum man das alles macht.
Und was machen Sie, wenn 14 TAGE LEBENDSLÄNGLICH wird?
Das wäre schade. Aber mich wirft nichts mehr zurück. Ich habe gute Nerven und eine wahnsinnige Ausdauer. Ich habe das jetzt 15 Jahre lang gemacht, und ich werde das noch 15 Jahre machen.

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