04. Juli 1992 | Süddeutsche Zeitung | Interview | George Lucas

Lernen ist der größte Spaß

Ein Gespräch mit dem amerikanischen Filmemacher George Lucas

Er gilt als eines der Wunderkinder des jungen amerikanischen Kinos: George Lucas, der Schöpfer von STAR WARS und INDIANA JONES. Aber dann hat er auch etwas von einem Zauberlehrling, der ein wenig Angst davor hat, daß er die Kräfte nicht mehr bannen kann, die er da mit seiner Maschine entfesselt hat, dem Apparat der Traumfabrik Hollywood. Heute hat er sich bewußt für ein anderes Medium entschieden, für die Fernsehproduktion, die besser zu beherrschen ist. George Lucas war in München, um sein neues Projekt vorzustellen, DIE ABENTEUER DES JUNGEN INDIANA JONES, eine Serie mit entschieden pädagogischem Konzept, in der der junge Indy erste Lektionen aus der Geschichte diese Jahrhunderts erhält. Im Herbst soll die Serie auch im deutschen Fernsehen laufen. Mit George Lucas sprachen Michael Althen und Fritz Göttler.

Warum führen Sie heute nicht mehr selbst Regie? Sie gehören doch zu den wenigen, die im Grund alle Möglichkeiten besäßen, zu machen, was sie wollen.
Früher war ich in der glücklichen Lage, all meine Filme praktisch allein machen zu können. Mit STAR WARS (KRIEG DER STERNE) änderte sich das. Ich empfand es als sehr frustrierend, mit einer solchen Menge Leute zu arbeiten; ich war zu oft enttäuscht über das Ergebnis. Ich mußte mich also nach STAR WARS entscheiden: Entweder mache ich wieder kleine Filme, bei denen ich von Anfang bis Ende die Kontrolle über alles habe, oder ich lerne, meine Arbeit mit anderen und durch andere zu verwirklichen. Und nach dem Erfolg des ersten Films wußte ich, daß ich die Geschichte zu Ende erzählen und dabei lieber die Übersicht bewahren will, anstatt mich nur auf den kleinen Bereich der Regie zu beschränken. Und nach Beendigung der INDIANA-JONES-Trilogie hörte ich ganz auf mit dem Kino und konzentrierte mich lieber auf multimediales, interaktives Lernen. So kam diese Fernsehserie zustande, verschiedene Geschichten um den jungen Indiana Jones, wie er mit seinen Eltern in der Welt herumreist, wie er verschiedene Figuren der Weltgeschichte trifft.
Bedauern Sie es, keine kleinen Filme mehr machen zu können?
Sehen Sie, wenn man eine Idee hat, die man verwirklichen will, und man führt dabei Regie, dann ist man nur auf diesen einen Aspekt konzentriert. Manche Leute wie Steven können mehr als eine Sache auf einmal machen, aber bei mir muß immer eins nach dem anderen kommen. Also mache ich jetzt nur noch die Sachen, die mir am meisten Spaß machen: Schreiben und Schnitt.
Und Produzieren.
Der Produzent – für mich ist das wie der Trainer beim Fußball. Er ist am Spielfeldrand und kann den Überblick behalten. Wohingegen man als Spieler auf dem Feld immer nur den Ball im Blick hat.
Würde es denn nicht auch den Trainer manchmal jucken, direkt ins Spiel einzugreifen?
Das schon, aber sie genießen es auch, am Spielfeldrand zu stehen, sie haben Vergnügen an guten Spielern. Vielleicht ähnelt die Arbeit des Produzenten doch mehr der Arbeit des Trainers beim American Football. Man hat seine Leute, die einem ein genaues Bild vom Gesamtgeschehen übermitteln. Und selbst hat man vor allem mit Strategie und Planung zu tun. Man ist der General im Hauptquartier. Man muß sich überlegen, wie man weitermacht, wenn Strategie und Taktik nicht funktionieren. Dabei lasse ich mich wiederum lieber von der Inspiration tragen, als alles genau zu planen. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit, eine Teamarbeit beim Fernsehen heute, es ist wie die Produktion der kleinen B-Pictures früher. Die Fernseharbeit gibt mir die Chance, in möglichst vielen Bereichen und Genres tätig zu sein. Das ist mit einem einzelnen Spielfilm gar nicht mehr möglich.
Und das war es, was Sie immer schon machen wollten?
Als ich noch Film studierte, an der University of Southern California, an der es eine starke Verbindung zur europäischen Tradition des Filmemachens (dem ‚Autorenkino‘) gab, kam einmal John Ford und sprach über die SEARCHERS. Da fragte ihn jemand, ob er bei diesem Film von Anfang bis Ende seiner Vision gefolgt sei. Und er antwortete: ‚Natürlich nicht. Ich bekam ein Drehbuch, und zwei Wochen später war ich schon am Drehen, und irgendwann, als ich schon mit dem nächsten Projekt beschäftigt war, zeigte man mir den fertigen Film, und ich sagte: ,Das ist ja ganz gut gegangen, nicht?“ Das öffnete uns, die wir alles selbst machen wollten, irgendwie die Augen. Das hat mich wirklch schockiert, daß der Regisseur beim Schnitt nicht dabei ist, denn ich kam ja von der Montage her. Im Grunde funktioniert das Fernsehen heute genauso. Und da habe ich begriffen, was für große Bedeutung Zusammenarbeit in diesem Prozeß hat. Bei der INDIANE-JONES-Fernsehserie gehe ich nicht mit zu den Dreharbeiten an die locations, aber ich sehe sofort das ganze Material.
Empfinden Sie die Arbeit im Fernsehen denn als Entlastung?
Es ist schon sehr erfrischend, etwas Kleineres zu machen, nach all den großen Filmen, bei denen sich die Arbeit immer zu Alpträumen ausgewachsen und über Jahre erstreckt hat. So ist das eben in der Kunst. Manchmal muß man aus der Sixtinischen Kapelle heruntersteigen, um zur Abwechslung wieder ein paar einfache Skizzen zu machen. Nach einem Jahrzehnt mit gigantischen Projekten, den größten, die man überhaupt machen kann, ist das eine richtige Erleichterung.
Schafft das nicht neue Probleme, die eigenen Vorstellungen durchsetzen zu müssen?
Ich habe mit so verschiedenen Regisseuren wie Godfrey Reggio und Kurosawa, Paul Schrader und Steven Spielberg gearbeitet, und dabei habe ich erkannt, daß wir allen Unterschieden zum Trotz alle aus demselben Land kommen.
Die INDIANE-JONES-Folgen unterscheiden sich in ihrer Atmosphäre, die eine ist mehr Komödie, die andere Abenteuer oder eine Liebesgeschichte. Wir engagieren nur Regisseure, die mit den Grundvoraussetzungen der Arbeit einverstanden sind. Nic Roegs Episode ist zum Beispiel stilistisch schon sehr individuell, ganz verschieden von den anderen. Aber nachdem ich selbst von einem sehr experimentellen Filmemachen herkomme, muß etwas schon wirklich extrem sein, ehe ich das extrem finde.
Und welche Rolle spielen Sie in dieser Teamarbeit?
Ich habe eine Idee und sage zum Beispiel, ich möchte eine Episode machen, in der es um Sigmund Freud geht; es soll eine Liebesgeschichte sein, wo sich Indiana Jones zum erstenmal verliebt. Also tritt meine Recherche-Abteilung in Aktion, eine der drei Abteilungen meiner Firma – neben Schnitt und Postproduktion – mit einer großen Bibliothek. Ich sage den Leuten dort, ich möchte alles über Freud wissen, alles über den ersten Psychoanalytischen Kongreß. Er soll sich in jemanden verlieben, der von Adel ist und praktisch ‚unnahbar‘ für ihn. Also brauche ich alle zehn bis zwölfjährigen Prinzessinnen, die zu jener Zeit in Österreich gelebt haben. Dann bringen mir meine Rechercheure, was sie gefunden haben, und ich kann sagen, das ist interessant, das verfolgen wir. Und dann nehmen sie das wieder mit und arbeiten es aus. Und wenn das nicht funktioniert, muß man halt neu anfangen.
Film und Fernsehen als Geschichtsunterricht: Im Grunde arbeiten Sie da ein wenig wie Griffith.
Ja, das Lernen ist es, an dem ich sehr interessiert bin. Das ist der größte Spaß am Ganzen.

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