28. Februar 1994 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Jack Lang

Kunst ist keine Ware

Gespräch mit Jack Lang über die Schwierigkeiten und Chancen des europäischen Kinos

Heute residiert er, wie er stolz vermerkt, in einer Königsstadt. Er ist Bürgermeister von Blois, wo einst Ludwig XII. und François I. herrschten. Doch davor war Jack Lang zwölf Jahre lang Minister für Kultur und Erziehung unter Mitterand. Sein Verhältnis zur Kultur und vor allem zum Kino war dabei außerordentlich fruchtbar. Wenn man einen kühnen Vergleich aus der Welt des Kinos bemühen will, dann gleicht seine Beziehung zur Kultur dem, was man mit anderen Vorzeichen von Fred Astaire und Ginger Rogers gesagt hat: Sie verlieh ihm Klasse, er verlieh ihr Sex-Appeal. Jedenfalls ist Lang umfassender gebildet, als man es hierzulande selbst Kulturpolitikern zutraut. So hat er zwar ein Herz für Hollywood, hat sich aber unlängst mit einer Initiative europäischer Cineasten gegen den amerikanischen Kino-Imperialismus bei den GATT-Verhandlungen gewandt. Jack Lang ist so eloquent wie elegant und erscheint mit weinrotem Jacket und offenem Kragen. Nachdem er in der Früh mit einem kleinen Jet in Erding gelandet ist, hat er eine halbe Stunde Zeit, sich während der Fahrt zu unterhalten. Das Gespräch führte Michael Althen.

SZ: Haben Sie JURASSIC PARK gesehen?
Lang: Ja, es ist nicht gerade der beste Spielberg. Schlechtes Drehbuch, kraftlose Figuren. Aber nachdem ich ein Kindergemüt habe, liebe ich Dinosaurier. Davon abgesehen handelt es sich bei JURASSIC PARK vor allem um eine Maschine zur Welteroberung, eine gigantische Werbemaschine. Die Europäer sollten den Film als Aufforderung verstehen, selbst kreativ zu sein im Umgang mit synthetischen Bildern und virtuellen Welten. Das darf man nicht den Amerikanern überlassen.
SZ: Glauben Sie, daß Leute wie Steven Spielberg oder Martin Scorsese überhaupt verstanden haben, was die Europäer bei GATT wollten?
Lang: Ich glaube nicht. Sie sind gutgläubig auf das hereingefallen, was man ihnen weismachen wollte: daß die Europäer Mauern errichten wollen, um die Verbreitung ihrer Werke zu verhindern. Das ist natürlich lächerlich.
SZ: Waren Sie von dem fehlenden Verständnis der amerikanischen Künstler enttäuscht?
Lang: Nein, weil ich mir ja bewußt war, daß es sich dort um eine andere Gesellschaft und ein anderes Denken handelt. Die Worte haben dort nicht die gleiche Bedeutung wie in Frankreich, das führt zu Mißverständnissen. Das ist ja sogar zwischen Frankreich und Deutschland so. Was nichts macht, so lange man sich erklärt.
SZ: Und alles wird gut, wenn man dem Publikum eine heftige Dosis europäisches Kino verschreibt?
Lang: Wir wollten eigentlich nur, daß man uns in Ruhe arbeiten läßt. Die Amerikaner haben ja ohnehin schon eine große Macht, aber sie wollten die absolute Diktatur. Sie wollten 100 Prozent, und wir haben gesagt: Nein! Die Europäer dürfen nicht wie die Maus vor der Schlange stehen. Womit ich nicht sagen will, daß die Amis eine Schlange sind, denn ich bin keineswegs antiamerikanisch. Aber ich habe einen Horror vor jeder Form des Chauvinismus. Und es geht ja nicht darum, neue Mauern zu errichten, sondern positive und konstruktive Maßnahmen zu ergreifen, um Künstler zu ermutigen.
SZ: Aber ist der französiche Chauvinismus in dieser Sache nicht eine ganz gesunde Haltung?
Lang: Chauvinismus ist immer etwas Oberflächliches. Im Geiste sind wir immer international. Besonders die jungen Leute sind gegen jede Art von Chauvinismus. Unglücklicherweise gibt es einige Politiker, besonders der Rechten, die sich dem Volk in Sprache und Denken anzubiedern versuchen und dabei aber nur vulgär und chauvinistisch sind. Aber das ist die Ausnahme. Nichtsdestotrotz hätten die Amerikaner ihren Willen bekommen, wenn sich nicht viele Künstler kräftig für unsere Sache eingesetzt hätten. Das war ein symbolischer Akt, in dem wir Europäer verhindert haben, daß die Kultur mit einer gewöhnlichen Ware gleichgesetzt wird. Das ist unsere Doktrin.
SZ: Aber ein gewisser Nationalstolz ist dabei auch hilfreich. Im Grunde ist es doch so, daß Leute wie Wenders oder Schlöndorff in Frankreich mehr respektiert und verehrt werden als bei uns. Haben Sie Mitleid mit den Deutschen?
Lang: Das ist sehr traurig, daß man in Deutschland die eigenen Künstler und vor allem die Regisseure nicht gebührend feiert. Künstler brauchen die Anerkennung ihrer Länder. Ich weiß nicht, warum Wenders hier nicht die Rolle spielt, die ihm zukommt. Seine Filme sind zwar international, aber besitzen doch eine große Aktualität. Diese Mißachtung ist umso trauriger, weil Deutschland vor dem Krieg eine große Kinematographie besaß. Man muß einfach begreifen, daß das europäische Kino vor allem eine lokale Angelegenheit ist – die Summe der nationalen Kinematographien ist. Nehmen Sie nur einmal Fellini, dessen Werk ohne Italien oder gar Rimini undenkbar war. Wenn das deutsche Kino verschwindet, ist das tragisch fürs ganze europäische Kino.
SZ: Und was kann man tun?
Lang: Man muß die Kinder zur Cinephilie erziehen. Das sollte Aufgabe der Schulen sein: Daß nicht nur die Lektüre von Büchern, sondern auch die von Filmen gelehrt wird. Denn wer Bilder nicht lesen kann, ist in gewisser Weise auch ein Analphabet. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn die Leute nur noch amerikanische Serien sehen wollen.
SZ: Was halten Sie von Ihrem Nachfolger Jacques Toubon?
Lang: Die Bürger und die Künstler sind groß genug, um selbst zu urteilen und zu vergleichen. Ich habe mir am ersten Tag vorgenommen, mich nicht einzumischen. Ich will kein zweiter Minister sein. Das ist auch eine Sache der Eleganz und Zurückhaltung.
SZ: Aber Sie können nicht bestreiten, daß Sie der Kultur etwas mehr Präsenz verliehen haben.
Lang: Ich sehe mich nicht in Beziehung zu ihm oder seinem Posten. Ich bin eine freie Existenz. Die Kultur war vorher Teil meines Lebens, und sie ist es hinterher.

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